[2023-01] Expedition ins Finstertal

Liebe Bastler, die Weltenbastler-Olympiade hat begonnen, das WBO-Tool ist vorbereitet. Bitte meldet euch schnell an. Viel Spaß dabei!
  • So, hab mich auch mal an einem Slowbastelthema versucht, da ich gerade eine passende Idee hatte. Ist etwas länger und weitschweifiger geworden als geplant, weshalb das Ganze auch auf 4 Posts aufgeteilt ist ... %-) Eigentlich gehört das Ganze in ein Science-Fiction-Universum, liegt aber schon länger zurück, als noch niemand eine Vorstellung von Raumfahrt o.ä. hatte. Und das Wort finster/Finsternis kommt viel häufiger vor als dunkel/Dunkelheit, ich hoffe, das ist kein Problem ;D


    Expedition ins Finstertal


    Vorbemerkung: Im folgenden Text findet sich die Bezeichnung „Mitrytta“, was analog zu „Mitmenschen“ zu ver­stehen ist; und es sind einzelne Textabschnitte [in eckigen Klammern und kursiv] dargestellt, diese sind in einem Geheimcode verfasst, die nur wenige Vertraute des Tagebuchschreibers dechiffrieren können – oder konnten. Das Reise-Tagebuch ist bereits über dreieinhalbtausend Perioden „vor heute“ entstanden (1 Periode = 12 Wochen à 12 Tagen; ca. 28 Wochen = (zufällig) 1 Jahr; Monate, Jahreszeiten oder Jahre gibt es für die Bewohner dieser Welt nicht, da für solche Zeiteinheiten keinerlei erkennbare Anhaltspunkte existieren).


    Die fünfte Expedition von Morodaro aus Ulalufi, Schüler des Ehrenwerten Lobratora aus Ogyardo


    2. Tag der 42. Woche nach dem großen Beben von Ulalufi


    Endlich ist der Tag gekommen! Der Tag meiner Abreise und des Beginns einer neuen Expedition. Schon viel zu viel Zeit habe ich verstreichen lassen seit meiner letzten Erkundung, jedoch gab es dafür auch gewichtige Gründe. Zum einen natürlich das verheerende Beben, nach dem unsere gegenwärtige Epoche benannt ist, und dessen Fol­gen. Zum anderen musste ich die Eindrücke meiner letzten Reise noch verarbeiten. Gut 7 Perioden liegt diese be­reits zurück und auch jetzt noch bin ich mir unsicher, wie und wem ich von ihr berichten soll und ob überhaupt.

    [Zu verstörend könnten meine Erkenntnisse für meine Mitrytta ausfallen und ihr Bild über unsere Lebensheim­statt Vvògg ins Wanken bringen. Wie soll man ihnen auch erklären, wie ein Flecken von Vvògg aussieht, der voll­kommen frei von jeglichem Nebel ist – das alleine ist kaum begreiflich zu machen – und welcher von in den Augen schmerzendem, gleißendem Licht zwischen den in die Höhe strebenden, völlig exotischen Bäumen ausgefüllt wird, was außer mir in den vergangenen vier- oder achthundert Perioden wahrscheinlich nur sehr wenige Rytta erlebt haben; die genauso geschwiegen haben wie ich bisher. Ganz zu schweigen von der unvorstellbaren Quelle dieses Lichts in schwindelerregender Höhe weit jenseits allen Nebels, was wir sonst durch all den Nebel hindurch nur als fahle „Funzel der Götter“ kennen.

    Kein Wunder, gelten diese Berggipfel als verbotene Zonen. Angeblich von den Göttern oder Dämonen (je nach­dem, wen man fragt) erlassen – doch an diese oder zumindest deren Macht glaube ich nicht mehr. Warum sollten sie uns solch eine lichtflutende, gottgleiche Macht verschweigen, wenn sie von ihnen stammt? Nein, sie verschwei­gen es uns, weil sie selbst nicht wissen, wer da mächtiger ist als sie. Oder gerade weil sie es wissen?]

    Götter [an die ich nicht glaube!], wie ich abschweife! Habe ich genug Tintenfässer eingepackt?

    So, der Tintenfassvorrat ist überprüft und noch ein wenig aufgestockt. Jetzt kann es wirklich losgehen. Mein Be­gleiter auf dieser Expedition, Paraternu aus Ylashyro (ein kleiner Ort nicht weit von Ulalufi entfernt), wartet bereits ungeduldig. Aber er hat Recht, wir müssen uns nun sputen, um nicht erst kurz vor Beginn der Nacht aufzubrechen. Wir kämen kaum tausend Schritte weit, bevor wir die Hand vor Augen nicht mehr sehen können, geschweige denn unseren Weg.

    Andererseits könnten wir uns so an unser Ziel gewöhnen, das wohl selbst am Tage noch sehr viel düsterer sein wird als die Nacht. So erzählen es jedenfalls die Legenden. Kaum jemand traute sich während der letzten tausend Perioden in ein solches Finstertal, soweit ich weiß. Oder es kehrte niemand zurück, um davon zu berichten – so in etwa wurde ich mehrfach gewarnt. Wir jedoch sind gegen nahezu alles gewappnet. Nur vielleicht nicht gegen die gräulichsten Dämonen, die dort herrschen sollen [aber an die glaube ich ja nicht! Hah!]. Jedoch ist dies nur eine von vielen Möglichkeiten, was uns erwarten wird. Wir werden vorsichtig sein und es herausfinden. Was soll schon schiefgehen!

    Nun aber los! Bevor Paraternu zum zehnten oder elften Mal nach mir ruft oder gar seine Teilnahme verweigert.


    9. Tag der 42. Woche nach dem großen Beben von Ulalufi


    Sieben Tage sind wir nun unterwegs auf gut ausgebauten Straßen und Wegen ohne besondere Vorkommnisse. Ab morgen jedoch müssen wir uns durch unwegsame Wildnis schlagen, um unser Ziel zu erreichen. Unseren Karren mit dem Zugtier werden wir im kleinen Ort Garagyra, in dem wir nächtigen werden, zurücklassen. Man wird sich um das Tier kümmern bis zu unserer Rückkehr. In der Wildnis kämen wir damit nicht weit.

    Jenseits dieses Ortes befinden sich bereits die ersten behauenen Steine, die Totenschädeln nachempfunden sind und vor dem nahen Finstertal warnen. Dennoch werden wir es erst am morgigen Abend erreichen – oder noch spä­ter – wegen dem ganzen Gestrüpp, das seit vielen Perioden höchstens von kleinsten Tieren durchquert wurde. Natürlich hat man uns auch hier eindrücklich und mehrfach vor der Weiterreise gewarnt, als wir das Ziel unserer Expedition offenbarten. Ich jedoch lasse mich nicht beirren! Die Angst vor dem Unbekannten können wir nur be­siegen, wenn wir das Unbekannte erforschen. Für die Wissenschaft!

    [Oh, Ihr gnädigen Götter (an die ich ja nicht glaube! Aber vielleicht hört Ihr mein Flehen ja doch noch einmal an? Bitte!)! Mir ist soeben mit Schrecken eingefallen, dass ich in meinem Haus – möglicherweise – das Kaminfeu­er nicht gelöscht habe! Nicht auszudenken, was inzwischen geschehen sein könnte. Wegen mir! In einigen Tagen zählen wir womöglich bereits die erste Woche der Epoche „nach dem Großfeuer vom einstigen Ulalufi, vom dum­men Morodaro verursacht“. Mein Name wäre damit zwar unsterblich, aber zu welchem Preis? Meine Verbannung wäre noch ein gnädiges Urteil. Wäre eine Verbannung überhaupt möglich aus einem Ort, der nicht mehr existiert? Oh weh! Oh weh!]

  • 11. Tag der 42. Woche nach dem großen Beben von Ulalufi


    Gestern am Abend haben wir unser Ziel erreicht, wir waren etwas besser vorangekommen als befürchtet. Den heutigen Tag haben wir damit verbracht, unser Lager und eine feste Feuerstelle einzurichten. In der Nähe fließt ein Bach vorbei, der uns mit frischem Wasser versorgt. Perfekt!

    Was nicht so perfekt ist, sind die eigentümlichen Laute, die uns aus Richtung des Finstertals erreichen, vielleicht von Tieren. Es sind nur wenige, meist einzelne Laute, die wir über den Tag verteilt von dort vernehmen, keine wah­re Kaskade von Tierlauten, wie ich sie von manchen wilden Orten kenne. Umso verstörender sind diese oft keinem mir bekannten Tier zuordenbaren Töne – mal eine Art Kreischen, dann ein Pfeifen wie von einem Vogel (aber im Finsteren?), mal ein fernes, dennoch lautes Schnauben, oder war es doch ein Brummen? –, da wir uns kaum vor­stellen können, wie die dazugehörigen Tiere aussehen mögen und ob sie gefährlich sind. Aber welche Tiere sollten in absoluter Finsternis eines finsteren Finstertals leben? Ich hoffe, es sind vornehmlich solche, die sich vor Fress­feinden in der Dunkelheit verstecken. Welches Raubtier sollte schon dort auf Beute lauern, wenn die Chance auf Beute außerhalb des Tals viel größer ist?

    Auch die Gerüche aus dem Tal beunruhigen mich ein wenig. Solche kenne ich eher aus überbordenden Groß­städten denn aus der Wildnis, auch wenn sie mir ebenso fremd erscheinen wie die Tierlaute. Einzig etwas wie ver­faulte Eier sowie starke Gerbstoffe konnten meine Nase identifizieren.

    Ich bin mir nicht sicher, wie ich das alles einordnen soll. Auch mein Begleiter Paraternu ist sichtlich beunruhigt.


    2. Tag der 43. Woche nach dem großen Beben von Ulalufi [oder doch der 1. Woche nach dem Großfeuer im ehe­maligen Ulalufi? Ich hoffe nicht!]


    Die letzten beiden Tage haben wir damit verbracht, die Umgebung des Finstertals auszukundschaften, zunächst linksherum, danach rechtsherum jeweils bis zum Mittag, bevor wir kehrtmachten. Rechtsherum kamen wir etwas weiter, denke ich, da dort weniger Gestrüpp wucherte, durch das wir uns kämpfen mussten. Aber die Kante zum Finstertal brach dort steiler ab, weshalb wir einen größeren Abstand wahren mussten, um nicht wegen eines Fehl­tritts hinabzustürzen. Die Gerüche und Laute aus dem Tal haben uns immer wieder begleitet und ein Ende des Tals war weder links noch rechts zu erahnen – bei dem Nebel aber auch nicht verwunderlich –, nur undurchdringliche Fins­ter­nis schräg unter uns selbst am Tage und darüber wie eine Decke die hell- bis mittelgrauen Nebelschwaden, wie es sie überall gibt. Andere Erkenntnisse brachte uns diese Erkundung leider nicht ein.

    Heute jedoch sind wir erstmals in das Finstertal selbst vorgedrungen. Wie mein Eintrag beweist, haben wir es auch überlebt! Und ein weiteres Mal wurde ich eines Besseren belehrt. Wähnte ich mich doch gut vorbereitet mit den teuersten und hellsten Laternen, die ich in Ulalufi auftreiben konnte. Nicht erwartet hatte ich jedoch, dass selbst deren Licht von der Finsternis vor und rings um uns herum … aufgesaugt zu werden scheint? Ich weiß, das klingt absurd, jedoch kann ich es nicht anders beschreiben. Als würde das Licht in ein schwarzes Loch stürzen und nicht mehr entkommen können; als ob so etwas möglich wäre! Während unsere Lampen in einer normalen Nacht drei oder vier Dutzend Schritt weit um unser Lager herum alles gut ausleuchten, können wir im Finstertal froh sein, wenn wir unsere Umgebung auf die nächsten zwei, drei Schritt zumindest erahnen können. Nicht auszudenken, wie wenig wir hier sehen könnten, müssten wir wie vor wenigen Hundert Perioden auf natürliche Lichter wie Leucht­pilze oder gar die schwachen Glühbirnen zurückgreifen! So langsam begreife ich, wie all diese Schreckenslegenden über die Finstertäler entstehen konnten.

    Aber wenn Dunkelheit mehr ist als nur die Abwesenheit von Licht, müsste dieses schwarze Loch – oder was es auch immer ist – im Tal nicht auch die Finsternis in sich einsaugen? Was bliebe dann übrig? Beweist dies, dass Dunkelheit nur das Fehlen von Licht ist? Oder überstrahlt die Düsternis dieses Tals einfach nur das Licht? Bin ich Philosoph? Nein! Gut, dass ich damit dies Thema beenden kann; sollen sich andere darum schlagen, während sie sich mit ihren Fragen immerzu im Kreise drehen.

    Trotz dieser unerwarteten Einschränkung tasteten (zum Teil im wahrsten Sinne des Wortes!) wir uns vorsichtig voran, tiefer dem vermuteten Zentrum der Finsternis entgegen. Die seltsamen Tierlaute – mein Begleiter murmelte in einem schwachen Protest eher etwas von Dämonen [wie albern!] – nahmen stetig zu; mal schienen sie aus weiter Ferne zu uns zu dringen, mal nahezu neben unseren Ohren zu entstehen. Beängstigend! Natürlich sahen wir auch in letzterem Fall keinerlei Tiere. Aber auch keine Dämonen! Einfach nichts. Selbst Pflanzen sind hier in der Düsternis spärlich, nur so etwas wie Moos, Flechten, etwas Dunkelgras und mal einige Pilze scheinen hier zu wachsen. Aber wen wundert es? Zumindest können wir so nicht über irgendwelche Baumwurzeln stolpern.

    Paraternu bewerkstelligte dies trotzdem! Wenn auch nicht über eine Baumwurzel, wie wir mehr tastend als se­hend feststellten, nachdem wir uns so gut wie möglich versichert hatten, dass Paraternu weitgehend unverletzt ge­blieben war. Nein, was seine Füße ins Straucheln brachte, waren Knochen. Und nicht wenige davon. Sogar ein halb aus dem Boden herausragender staubig-bleicher Schädel schien uns anklagend entgegenzustarren.

    Mich beschleicht das Gefühl, dass wir nicht die ersten Besucher in diesem Finstertal waren. Nach einer wenig ergiebigen Begutachtung des Knochenfunds kehrten wir ins Lager zurück, mussten wir doch befürchten, im Tal des Nachts endgültig orientierungslos zu sein.


    5. Tag der 43. Woche nach dem großen Beben von Ulalufi [(hoffentlich immer noch)]


    Den ersten Tag nach unserem Knochenfund verbrachten mein Begleiter und ich zunächst heftig diskutierend. Er sprach sich dafür aus, unsere Expedition abzubrechen und die Toten ruhen zu lassen; er ging davon aus, dass dort viele weitere Skelette zu finden sein würden. Dabei steht noch nicht einmal fest, ob die Knochen wirklich von einem Rytti stammen oder nur von einem Tier. Immerhin liegt gut die Hälfte der Knochen in der Erde begraben. Schließlich setzte ich mich durch – welch Zeitverschwendung! – und wir bauten aus einigen starken Ästen und großen Blättern einiger Sträucher aus der Umgebung eine Bahre.

    Am Tag darauf – also gestern – stießen wir erneut ins Finstertal vor, diesmal trug jeder von uns – neben Werk­zeu­gen und der Bahre – zwei Laternen bei sich, und doch war unsere Umgebung nicht wesentlich heller beschienen als zwei Tage zuvor. Vorsichtig gruben wir die Knochen aus. Dabei erst fiel uns auf, dass wir uns am Eingang einer Höhle befanden, vor ebendieser Paraternus Füße die Knochen gefunden hatten. Das Gestein rund um den Höhlen­zugang erschien mir stabiler Fels zu sein, anders als der zwar geröllige, jedoch auch erdige Boden davor.

    Der Transport ins Lager war beschwerlicher, als wir gedacht hatten. Zudem mussten wir nicht nur zu zweit die Bahre mit den Knochen tragen, sondern auch unsere Laternen. Das hätte ich besser planen können. Warum werde ich so nachlässig? Hat mich der Streit mit Paraternu so sehr abgelenkt?

    Heute haben wir – vornehmlich ich – die geborgenen Knochen untersucht. Auch wenn offensichtlich einige Teile des Schädels sowie einige Rippen und die meisten Fußknochen fehlen, die wir wohl übersehen haben, bin ich über­zeugt, dass der Bedauernswerte ein Rytti ist – oder eine Ryttu. Der gescheitelte Wulst am Hinterkopf, die längeren Armknochen im Vergleich zu den Beinknochen, die teils leicht gebogenen Schwanzwirbel und die fünf Finger der Hand, dazu vor allem mit dem opponierbaren Daumen sprechen eine eindeutige Sprache. Jedenfalls kenne ich kein Tier, das dieselben vier Merkmale aufweist.

    Vor allem am Schädel und den Armen sind mir Spuren aufgefallen, die auf schwere Verletzungen zurückzufüh­ren sein könnten. Dies ist jedoch schwer zu sagen, die Knochen dürften schon seit einigen Hundert Wochen dort gelegen haben. Ob die Verletzungen durch Waffen, Klauen oder Zähne beigebracht wurden oder gar erst nach dem anders verursachten Tod, kann ich nicht sagen. Nur einen Sturz aus großer Höhe, etwa von der abschüssigen Kante, die wir vor Tagen erkundet haben, schließe ich aus; dann müssten viel mehr Knochen gebrochen, ja zersplittert sein. Paraternu ist natürlich davon überzeugt, dass ihm die Verletzungen durch Dämonen beigebracht wurden. So bleich wie heute habe ich ihn noch nie erlebt.

  • 7. Tag der 43. Woche nach dem großen Beben von Ulalufi (?)


    Einen weiteren Tag musste ich damit vergeuden, Paraternu davon zu überzeugen, dass wir unsere Expedition fortsetzen [und dass es keine Dämonen gibt]. Warum nur habe ich einen solchen Angstvogel ausgewählt?

    Mit nunmehr drei Laternen für jeden von uns und unseren Waffen machen wir uns heute auf den Weg. Sollte es tatsächlich zu einem Angriff – wodurch auch immer – kommen, müsste jeder von uns jedoch eine der Laternen fal­len lassen; ich bezweifle, dass sie gute Waffen abgeben. Nächstes Mal sollte ich an Lampen denken, die wir am Kopf befestigen können, sowie an einen dritten Teilnehmer, der sich besser aufs Kampf- oder Jagdhandwerk ver­steht als wir. Heute Abend werde ich weiterberichten.


    Nun sind wir zurück – wohlbehalten, möchte ich betonen. Auch wenn es anders hätte ausgehen können. Jedoch der Reihe nach: Während unseren vorherigen Vorstößen waren wir schlau genug, in regelmäßigen Abständen Weg­weiser zu bauen aus zumeist übereinandergelegten Steinen. Zwar konnten wir sie in der Düsternis nur erkennen, wenn wir mit unseren Laternen unmittelbar davor standen, doch halfen sie uns sehr, uns zu orientieren. So fanden wir schnell die Höhle, vor der wir die Knochen des bedauernswerten Rytti gefunden hatten. Ich muss hier erwäh­nen, dass die beiden zusätzlichen Laternen kaum einen Unterschied machten, nach wie vor sahen wir kaum mehr als unsere Hand vor Augen (die zudem ja eine Laterne hielt!). Vielleicht spielte mir die doch nicht ganz ausbleiben­de Furcht einen Streich, aber ich hatte gar den Eindruck, dass unsere Umgebung umso finsterer wurde, je mehr La­ter­nen wir mitbrachten. Ein Phänomen, das leider vorerst ungelöst bleiben wird, befürchte ich.

    Zunächst untersuchten wir die nähere Umgebung des Höhleneingangs, dann die etwas fernere. Überall war es recht gröllig, an manchen Stellen zerklüftet, mit eher erdigen, aber stets trockenen Flächen dazwischen. Nirgendwo konnten wir Anzeichen einer weiteren Höhle oder eines zweiten Höhlenzugangs erspähen – oder vielmehr ertasten. Auch weitere Knochen konnten wir nicht finden. Häufig hielten wir inne mit einer Hand an der Waffe, wenn wir einen bedrohlich wirkenden Tierlaut (oder Dämonenlaut, wenn es nach Paraternu ginge) vernahmen. So manches Mal dachte ich, einen solchen Laut direkt aus der Höhle vernommen zu haben, aber aufgrund der eingeschränkten Orientierung kann ich mich auch getäuscht haben.

    Auch fanden wir auf dem erdigeren Boden Spuren, die nach meiner Meinung von Tieren stammen, jedoch kaum eindeutige Pfoten- oder Tatzenabdrücke, eher Schleifspuren. Vielleicht ein Raubtier mit seiner Beute im Maul? Je­denfalls faszinierend, dass in solch einem Finstertal doch Tiere zu existieren scheinen, die hier zu überleben gelernt haben. Dennoch nicht ganz die Erkenntnis, die ich mir erhofft habe.

    Daher beschloss ich, einen Blick in die Höhle zu werfen, bevor wir zum Lager zurückkehren mussten. Nach ei­nem recht unscheinbaren, engen Durchgang eröffnete sich vor uns eine offenbar gewaltige Höhle. Zwar konnten wir dies wegen der Düsternis nicht sehen, aber der Widerhall unserer Schritte und Stimmen zeugte unzweifelhaft davon. Zusätzlich erfüllte die Höhle ein rhythmisches Plitsch, Plötsch und Plätsch fallender Wassertropfen aus na­hezu allen Richtungen – so schien es mir. Dem Ton nach mussten sie in Wasser fallen, sonst wären sie nicht so laut zu hören, dennoch konnten wir keine Pfützen oder gar einen See entdecken, jedoch ließen wir auch große Vorsicht walten, um nicht abrupt in große Wassermassen zu stürzen. Stattdessen fanden wir Durchgänge zu mindestens zwei weiteren Höhlenabschnitten.

    Beunruhigender war, dass auch hier Tierlaute (oder nach Paraternus Meinung Dämonen) zu hören waren, wenn auch eher harmlose wie Schnaufen oder leises Quieken. Sollten sich hier tatsächlich Tiere aufhalten? Einmal fühlte ich mich beobachtet und glaubte auch ein glühendes Augenpaar in der Ferne erspäht zu haben, was jedoch sofort verschwunden war. Paraternu hat es wohl nicht bemerkt, sonst wäre er sicherlich schreiend davongelaufen. Vermut­lich hat meine Anspannung es mir nur einbilden lassen. Schließlich beschlossen wir [vielmehr ich], die Höhle am nächsten Tag genauer zu untersuchen, und kehrten in unser Lager zurück.


    9. Tag der 43. Woche nach dem großen Ulalufi-Beben[, hoffe ich]


    Götter! [an die ich ja nicht glaube!] Beinahe den ganzen heutigen Tag brauchten wir zur Erholung vom Schre­cken des gestrigen. Und zur Pflege unserer Wunden. Ganz zu schweigen von der Beruhigung unserer Nerven. Noch immer bin ich mir nicht sicher, was gestern exakt geschehen ist. Offenbar haben wir … jemanden verärgert. Viele Jemande! Zum Glück sind diese Jemande uns nicht aus dem Finstertal heraus gefolgt. Andernfalls wären wir wohl in der „1. Woche der Finsterdämonenflut, verursacht durch den dummen Morodaro aus Ulalufi“. [Noch viel schlim­mer als das Niederbrennen Ulalufis!] Aber vielleicht sollte ich den Tagesbericht von vorne beginnen, daran erinne­re ich mich auch viel klarer; als sei es erst gestern geschehen … ähm.

    Wie geplant sind wir ohne besondere Vorkommnisse zur Höhle zurückgekehrt und begannen vorsichtig mit de­ren Erkundung, und zwar so systematisch wie in der Düsternis möglich. Wir wären sicherlich schneller vorange­kommen, wenn wir uns aufgeteilt hätten, doch das erschien mir weitaus zu gefährlich, womöglich hätte einer von uns nicht mehr zum Höhlenausgang zurückgefunden oder hätte sich verletzt und wäre im Dunkeln unauffindbar gewesen. Wie schon erwähnt: Die Laternen leuchten im Finstertal und in der Höhle viel schwächer als erwartet und als normal sein sollte. Nein, das war keine vernünftige Option. Außerdem beginnt das grausig-tödliche Ende einer Abenteuergruppe in einschlägigen Geschichten stets damit, dass sie sich aufteilen. Zumindest behauptet das Para­ternu, ich lese solchen Schund ja nicht!!

    Jedenfalls stellten wir nach einiger Zeit fest, dass die Höhle wahrlich riesige Ausmaße hat. Die bereits zuvor ent­deckten Durchgänge zu weiteren Höhlenabschnitten verzweigten sich immer weiter und offenbarten weitaus gewal­tigere Höhlen, deren Ausmaße wir ob der Düsternis nur vage erahnen konnten. Auch die Pfützen und Tümpel, in welche die zuvor gehörten Tropfen fielen, fanden wir; zumindest teilweise. Ich vermute, dass es wesentlich mehr und auch größere gibt, die wir jedoch nicht aufspüren konnten, da wir uns großteils – wo kein Tümpel, Loch oder Geröllfeld im Wege war – an den Felswänden entlangtasteten, andernfalls hätten wir uns hoffnungslos verirrt.

    Eine Karte anzufertigen war mir in der Düsternis leider nicht möglich. Ich hatte mir einen solchen Versuch für die späteren Tage vorgenommen; jedoch befürchte ich wird es dazu nicht mehr kommen.

    Denn gerade als wir in einen Bereich gelangten, in dem die Höhlenwände tröpfchenartig von winzigen Kristallen bedeckt sind, sah ich im Augenwinkel etwas aufleuchten. Auch Paraternu muss es aufgefallen sein, da er dieselbe Richtung beobachtete wie ich. Im Nachhinein – jetzt, da ich in Ruhe darüber nachdenken kann – erscheint es mir unglaublich; wie haben wir etwas aufleuchten sehen können, wenn unsere eigenen Laternen die Umgebung kaum einige Schritt weit erhellen? Entweder musste sich das Licht in unserer unmittelbaren Nähe befinden oder unvor­stellbar hell sein. Unbewusst hatte ich solche Schlüsse wohl schon gezogen, denn eine ungewohnte Unruhe breitete sich in mir aus.

    Zunächst schien es so, als sei das Leuchten verloschen oder als hätten wir es uns nur eingebildet. Doch dann, als wir uns gerade abwenden wollten, sahen wir es noch einmal, jedoch aus einer etwas anderen Richtung. Diesmal konnte ich es klarer sehen, es schien ein sehr punktförmiges Licht zu sein, was aber je nach Entfernung, die ich nicht einzuschätzen in der Lage war, auch täuschen konnte. Auch dieses Licht verschwand ebenso schnell, wie es erschienen war. Paraternu drängte natürlich sofort darauf, die Höhle zu verlassen, doch meine Neugierde – oder Einfalt? – siegte offenbar über meine Vernunft; ich wollte wissen, was das war, und schritt sehr langsam darauf zu, ohne den Boden vor mir außer Acht zu lassen.

    Den nörgelnden Paraternu hinter mir, ging ich voran; zunächst schien es so, als wiederhole sich das Leuchten nicht. Zu meiner Überraschung, die mich zu einem peinlichen Angstschrei veranlassen ließ, sah ich mich jedoch alsbald mehreren Leuchtpunkten gegenüber, auch links und rechts waren solche zu sehen. Erst jetzt begriff ich, dass stets zwei Punkte dicht nebeneinander leuchteten, aber es bedurfte eines Ausrufs meines Begleiters, um es wirklich zu realisieren: Es waren glühende Augenpaare! Jetzt, da ich dies niederschreibe, glaube ich mich sogar an Wesen mit zwei bis vier Augenpaaren zu erinnern. Oder ließ meine Panik mich das einbilden?

    (...)

  • (...)

    Zu allem Überfluss beließen die Besitzer der glühenden Augen es nicht beim reinen Beobachten, sie stießen ein vielstimmiges, von mir nie gehörtes Brüllen aus und waren im Begriff, uns anzugreifen, die Glühaugen sprangen in einem wilden Tanz umher, während es für uns keinerlei Absprache bedurfte, um die Flucht zu ergreifen; [zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich wohl noch hysterischer schrie als Paraternu].

    Erstaunlicherweise war es Paraternu, der geistesgegenwärtig zur Waffe griff, doch sein verzweifelter Hieb prallte nutzlos wie von einem Eisenkoloss von unserem Gegenüber ab, während wir uns zurückzogen [um nicht zu sagen: völlig planlos und panisch davonmachten]. Ab hier muss ich meinen Bericht kürzer fassen, denn ich erinnere mich nicht mehr an alle Details. Außerdem geht mir das Papier aus; wieso habe ich an mehr Tintenfässer, aber nicht an Papier gedacht?!

    Plötzlich waren wir auch von Angreifern umringt, wo wir zuvor niemanden bemerkt hatten, auch glühten deren Augen nicht, aber sie bescherten uns mit ihren Waffen oder Klauen – im Dunkeln und in unserer Panik war das schwer zu unterscheiden – heftige Wunden, indem sie vor allem auf unsere Arme und Köpfe zielten, während wir durch die Höhle hasteten. Die Angreifer jedenfalls schienen entschlossen, uns zumindest zu vertreiben – unsere zahllosen Verletzungen zeugen davon.

    Es gleicht einem Wunder, dass wir den Höhlenausgang gefunden haben; wie uns das möglich war, ist mir ein Rätsel. Erst in unserem Lager angekommen realisierten wir, dass die Angreifer uns nicht gefolgt waren. Die Nacht stand bereits bevor, dennoch war es wesentlich heller als im Finstertal oder der Höhle, so konnten wir unsere Wun­den notdürftig versorgen, bevor wir erschöpft in einen tiefen Schlaf fielen.

    Zum Glück stellten sich heute unsere Wunden als zwar schmerzhaft, aber nicht allzu schwer heraus. Wenn sich nichts entzündet, werden wir sie vermutlich überleben – aber wohl niemals in unserem Leben vergessen.


    3. Tag der 44. Woche nach dem großen Beben von Ulalufi, wenn ich mich nicht verrechnet habe


    Nach meinem letzten Eintrag sind wir in den Ort Garagyra zurückgekehrt und haben uns dort zwei Tage lang von den Strapazen erholt. Inzwischen befinden wir uns etwa auf halbem Weg zurück nach Ulalufi. Ich habe keine Ah­nung, was ich dort genau von unserer Expedition berichten soll, auch in Garagyra war ich ungewöhnlich einsilbig, als die von unserem Überleben überraschten Bewohner uns ausgefragt haben.

    Nur in einem bin ich mir sicher: Niemals wieder werde ich das Bedürfnis verspüren, ein Finstertal erforschen zu wollen!

    [Und – es schmerzt mir in der Seele, es zugeben zu müssen – möglicherweise gibt es doch Dämonen …]


    (Undatierter krakeliger Nachtrag)

    [Neeeiiin! Tatsächlich war ich zu dumm, mein Kaminfeuer zu löschen! Immerhin wurde es rechtzeitig entdeckt, so dass nur mein Haus und eines der Nachbarn in Schutt und Asche gelegt wurde, nicht unsere komplette – weiter­hin wunderschöne – Stadt. Manche vermuten Brandstiftung, ich jedoch schweige zum tatsächlichen Grund für das Unglück. Immerhin fragt dadurch niemand allzu neugierig über den Verlauf der Expedition nach, so erschüttert wie ich – scheinbar – wegen des Infernos wirke.]


  • Hey, ich hab's jetzt erst gelesen, aber sehr genossen! Ich bin aber überrascht, dass es anscheinend (?) eine Auflösung gibt, auf die man mit genug Rateglück kommen kann! Und was beinhaltet die Auflösung? Gibt es Dämonen? Oder waren es doch Tiere oder vielleicht sogar eine weitere intelligente Spezies? Warum ist das Tal so dunkel finster und funktionieren die Lampen nicht? Ich habe keine Ahnung, bin aber gespannt auf die Auflösung!

  • Danke, Nikedah, freut mich, dass der viel zu lange Text gefällt ;)


    Ich denke, es dürfte schwierig sein, die Hinweise herauszufiltern, die ich versucht habe einzubauen, um auf die Lösung des Rätsels zu kommen, also was da wirklich in der Höhle passiert ist. Aber mit ein bisschen Fantasie kann ja eigentlich jeder, der Lust hat, mal drauflosraten ...

    Bezüglich der besonderen Finsternis in dem Tal ist mir eine Teil-Erklärung erst nach dem Posten eingefallen, hierzu fehlen also daher entsprechende Hinweise, da ich's beim Schreiben selbst noch nicht wusste %-)


    Noch löse ich nicht alles ganz auf, aber so viel kann ich verraten:

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