[2022-06] Die Erdbeeralraunenaussaat

  • „Kamera läuft? Gut. Hallo, verehrte Zuschauer*innen. Wir berichten heute live aus dem Alraunenreservat in den Medium Plains.“

    „Schutzraum.“

    „Was?“

    „Alraunenschutzraum. Ich weiß, dass einige Quellen noch von einem Reservat sprechen, aber das ist nicht mehr die offizielle Bezeichnung. Schließlich sind wir nicht hier eingesperrt worden, wir haben das selbst aufgebaut.“

    „Richtig. Und damit haben Sie auch schon unsere heutige Interviewpartnerin kennen gelernt, Fragaria, Königin der Erdbeeralraunen.“

    „Das ist auch nicht ganz richtig. Ich bin eine Königinnenalraune, aber das macht mich nicht zur Königin. Das ist eine rein biologische Einordnung.“

    „Wie eine Bienenkönigin?“

    „Nein, ganz im Gegenteil. Königinnenalraunen sind unfruchtbar und haben daher Zeit, sich um andere Alraunen zu kümmern, statt im Boden zu sitzen und Früchte zu tragen.“

    „Ah, ich verstehe. Und damit sind wir auch schon beim Anlass und Thema des Interviews: Der jährlichen Erdbeeralraunenaussaat.“

    „Richtig. Dafür bin natürlich ich als Königinnenerdbeeralraune zuständig.“

    „Nun werden Erdbeeren ja meist nicht gesät. Man pflanzt Ableger. Das ist bei Erdbeeralraunen wohl nicht so?“

    „Nein, in der Regel nicht. Alraunenerdbeeren sind etwas größer als echte Erdbeeren und entsprechend sind auch die Samen größer, etwa wie Melonenkerne. Das macht es sehr viel einfacher, sie auszusäen.“

    „Habe ich das richtig verstanden, dass die meisten Alraunen keine essbaren Früchte produzieren?“

    „Das stimmt. Die meisten verbreiten sich über Flug-, Schwimm- oder Klebesamen. Erdbeeralraunen sind da die Ausnahme.“

    „Und aus diesen kleinen Samen wachsen Alraunen wie Sie?“

    „Oh nein. Alraunen wie ich oder die, die sie dort hinten sehen, wachsen direkt an der Mutter, ohne Umweg über einen Samen, der in die Erde muss. Wenn sich die Alraune dann löst, ist sie selbstständig genug, um einen guten Platz zu finden und sich einzupflanzen. Und wenn nicht, gibt es dafür ja Königinnenalraunen wie mich.“

    „Und wofür sind dann die Samen?“

    „Für die männlichen Pflanzen. Bei Alraunen sind tierisches und pflanzliches Erbgut getrennt. Werden sie kombiniert, dann ergibt sich eine weibliche Alraune mit einem menschenähnlichen Körper und den Stengeln und Blättern auf dem Kopf. Und weiblichen Blüten, also Blüten, die über einen Stempel aber nicht über Staubgefäße verfügen. Aber eine Alraune produziert auch immer Früchte mit Samen, die nur den pflanzlichen Anteil enthalten. Daraus wächst dann eine Pflanze ohne menschenähnlichen Körper, die nur über männliche Blüten verfügt, also solche ohne Stempel aber mit Staubgefäßen.“

    „Und die säen Sie hier aus.“

    „Genau.“

    „Und wie läuft das ab?“

    „Nun, nach der Ernte werden einige Früchte, nicht alle, geschält. Essen kann man sie auch gut mit Schale, aber auf der Schale sitzen die Samen. Wir trocknen die Schale dann soweit, dass sich die Samen gut ablösen lassen.“

    „Wer genau ist in diesem Zusammenhang ‚wir‘?“

    „Das variiert. Manchmal gibt es außer mir noch andere Alraunen, die mithelfen wollen. Das sind natürlich dann die, die aus irgendeinem Grund in diesem Jahr keine Kinder haben, denn die Kinder wachsen natürlich noch, während die Früchte schon geerntet wurden. Der Alraunenschutzraum hat aber auch andere Angestellte und heuert manchmal zusätzliche Helfer an. Die meisten davon sind Ameisen.“

    „Ich nehme an, Sie meinen jetzt Ameisenmädchen und keine einfachen Ameisen.“

    „Richtig. Sie nehmen meist Erdbeeren als Bezahlung an.“

    „Heuern Sie auch Bienenmädchen zum Bestäuben an?“

    „Nein, dafür eignen sich gewöhnliche Bienen doch besser.“

    „Und die Samen werden heute ausgesät.“

    „Richtig. Sie sehen die Felder, die vorbereitet wurden. Die Pflanzen werden größer als echte Erdbeeren, daher wird nur ein Samen auf einem Quadratmeter gepflanzt. Ich lege den Samen einfach in die Erde und gebe Dünger dazu – bei der natürlichen Verbreitung durch Beeren fressende Tiere wäre der ja auch vorhanden. Bewässert werden müssen die Felder nur bei trockenem Wetter. Wir müssen allerdings die Samen und Jungpflanzen schützen – solange sie noch klein sind, kann schon eine Schnecke oder ein Vogel das Ende sein.“

    „Sehr viel Platz ist da aber nicht.“

    „Wir brauchen auch dieses Jahr nicht viele neue Pflanzen. Die meisten aus den letzten Jahren leben ja noch.“

    „Und diese männlichen Pflanzen dienen einzig dem Zweck, nächstes Jahr wieder die Alraunen zu befruchten.“

    „Ganz richtig.“

    „Und für die weiblichen Alraunen ist das ein völlig passiver Prozess?“

    „Ja. Die Bestäubung durch Bienen findet meist tagsüber statt, wenn die Alraunen schlafen. Aber natürlich haben sie die Kontrolle darüber, ob sie überhaupt bestäubt werden. Jede Alraune kann ihre Blütenknospen auch abschneiden, bevor sie blüht.“

    „Wovon hängt es ab, ob aus einer Blüte ein Kind oder eine Frucht wird?“

    „Nun, davon welches Erbgut kombiniert wird. Und wie viel. Eine weibliche Alraune hat vier Chromosomensätze, die männliche Pflanze nur zwei. Ob nun eine Blüte einen oder zwei hat und ob sie mit einem oder zwei bestäubt wird, ist nicht kontrollierbar. Das kann man erst sagen, wenn der Fruchtknoten wächst.“

    „Moment, was ist, wenn drei Chromosomensätze zusammen kommen?“

    „Dann werden nur zwei kombiniert. Einer bleibt übrig.“

    „Dann sind Früchte häufiger als Kinder.“

    „Richtig. Das muss auch so sein, weil die Männchen weniger lange leben.“

    „Und die männlichen Pflanzen tragen keine Früchte?“

    „Nein, die nicht. Mangels Stempel können die männlichen Blüten nicht befruchtet werden.“

    „Ich kann also eine weibliche Alraune auch dann erkennen, wenn der menschenähnliche Teil sich unter der Erde befindet, zumindest während der Blüte- oder Tragezeit?“

    „Nun ja. Ich spreche hier bisher in rein biologischen Begriffen, weil es ja um die Fortpflanzung geht. Dass eine Alraune weibliche Blüten ausbildet, heißt aber natürlich nicht, dass sie weiblich sein muss. Die Idee von Geschlechtern jenseits von ‚reine Pflanze‘ und ‚Pflanzenmensch‘ ist für uns ja sowieso ein Konzept, das von außen kommt.“

    „Ich verstehe. Sie säen hier also nicht direkt die nächste Generation von Alraunen aber einen wichtigen Zwischenschritt dazu.“

    „So könnte man sagen, ja.“

    „Ist das wirklich notwendig? Früher ging es ja auch von selbst.“

    „Natürlich ist die Verteilung der Samen und die Bestäubung auch in der Natur möglich, ja. Es gibt ja bis heute wilde Alraunen, die irgendwo im Wald wachsen und nur zufällig bestäubt werden. Aber deren Kinder haben dann auch keine Möglichkeit, eine Schulbildung zu erhalten oder Teil einer Gemeinschaft zu sein, wenn sie das wollen.“

    „Die jährliche Aussaat ist also weniger notwendig für das Überleben der Erdbeeralraunen an sich und mehr für ihre Zivilisation.“

    „Exakt, ja.“

    „Gut, dann denke ich, wir beenden hier das Interview und begleiten Sie dann mit der Kamera bei ihrer Arbeit.“

    „Sehr gerne. Aber ich mache erst einmal Pause.“

    „Natürlich.“

    „Wollen Sie da auch dabei sein? Sie wissen sicher, dass wir Alraunen zwar zur Fortpflanzung unsere Blüten verwenden – die ich ja gar nicht habe – aber zum Vergnügen unsere menschenähnlichen Teile einsetzen.“

    „Ich denke, wir sollten die Kamera jetzt abschalten …“

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