WB-Adventskalender 2011

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    Hinter dem siebzehnten Türchen leuchtet ein nächtlicher Sandstrand. Fremde Sternbilder schmücken den Himmel, und nicht weit von hier sitzen einige Fischer um ein flackerndes Feuer aus Treibholz herum und erzählen sich die alten Geschichten…



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    Wie Tanahareni die Riesen besiegte


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    Tanahareni wurde wiedergeboren im Schoß einer Frau der Insel Ukanos. Er wurde wiedergeboren als älteste Tochter einer Familie aufrechter Schiffsführer. Die Eltern waren stolz auf ihre schöne Erstgeborene und hofften, sie würde der Tradition der Familie folgen und ebenfalls Schiffe über die Meere führen. Und so nannten sie das Mädchen Amnis, nach den flinken Fischen, die in großen Schwärmen die Meere durchkreuzten. Wie ein Fischlein im Wasser wuchs Amnis dann auch auf. Sie liebte das Meer, die Wogen, die Winde. Bald tauchte sie nach Muscheln und Krebsen, fing Meeresgetier mit Schnüren und Netz und schlürfte Seevogeleier aus, die sie mit den anderen Kindern in den Uferfelsen sammelte. Sie war jedoch auch eine fleißige Schülerin ihres Vaters und lernte wissbegierig all die Dinge, die ein guter Schiffsführer wissen muss. Schon als kleines Mädchen kletterte sie auf seinen Schiffen umher, furchtlos bis auf die Spitze des höchsten Masts. Sie zählte kaum 15 Jahre, als ihr Vater sie das erste Mal mit auf Reisen nahm. Die vertraute Heimatinsel blieb zurück, doch dafür eröffnete das weite blaue Meer neue Wege und Ziele. So viele Inseln fanden sich in seiner Weite, fremde Völker und Abenteuer.



    Gut zwei Jahre später hatte die Familie Amnis bereits ein Schiff anvertraut. Das sollte ihr jedoch zunächst kein Glück bringen. Auf einer seiner Fahrten geriet das Schiff nämlich in die Hände grausamer Seeräuber. Wie ein Hai sich auf eine Schule Friedfische stürzt, so fielen die Seeräuber über das Handelsschiff her. Mit Feuer, Haken und Messer wurde das Schiff erobert und die Besatzung in Fesseln geschlagen. Auch Amnis wurde gebunden und fürchtete sich. Zu viel hatte man schon über die Seeräuber gehört, denen nichts heilig war. Sie achteten nicht die Götter, nicht das Meer, nicht die Menschen. Vielleicht wollten sie ihre Gefangenen als Sklaven verkaufen, vielleicht auch nur ihre Blutgier und böse Lust an ihnen stillen. Doch es sollte anders kommen. Die Elemente selbst stellten sich gegen die Seeräuber. Das Meer und die Winde bäumten sich gegen ihr Schiff. Wilder Sturm riss an den Masten, Wasser donnerte gegen die Planken. Die Wellen hoben das Schiff in schreckliche Höhen und schmetterten es nieder in die Wellentäler. Das Schiff zerbrach. Alle an Bord kämpften um ihr Leben, doch das Meer zog sie unerbittlich in die Tiefe. Nur Amnis gelang es, an einige Bretter geklammert, zu überleben. Wohl warfen die Wellen sie wie ein Spielzeug umher, doch sie zogen sie nicht in den nassen Tod. Erschöpft und am Ende ihrer Kräfte wurde das Mädchen schließlich an ein ödes Eiland geworfen. Dort schlief sie drei Tage lang. Die Götter hielten schützend ihre Hände über sie.


    Als Amnis schließlich wieder zu Sinnen kam, fand sie neben sich einen alten, abgehärmten Mann. Es war ein Schiffbrüchiger, so wie sie selbst, der jedoch schon viele elende Jahre in der Einsamkeit dieser Insel fristete. Ori war sein Name und er erzählte dem Mädchen, was es mit der Insel für eine Bewandtnis hatte:


    „Ich bin ein Fischer, der nach einem Sturm an dieser Insel gestrandet ist. Ich habe ein Boot – aber es kann mich doch nicht von hier fortbringen. Die Insel ist umgeben von scharfkantigen Riffen, die jeden Bootsrumpf zermalmen. Der einzige Weg fort führt durch eine Meerenge, die diese Insel und ihre Schwester bilden. Doch dort hausen zwei grausige Riesen, die jedes Entkommen vereiteln. Steinfresser ist der eine, der hier auf dieser Insel haust, Felsreißer der andere, der auf dem gegenüberliegenden Eiland wohnt. Die beiden bewachen die Durchfahrt und fangen jedes lebende Wesen, das hindurch will – und fressen es dann auf. So manches Schiff hat schon sein Glück versucht. Doch die Unholde sind immer auf der Hut. Sie reißen Steine aus der Insel und werfen damit nach den Schiffen. Sie versenken alles, ob Segler, Ruderboot oder Floß, und fressen die Besatzung bei lebendigem Leibe. Sie teilen sich an Beute, was noch von Wert ist und hüten eifersüchtig ihre Schätze. Sie sind dumm, aber bösartig. Sie sind streitsüchtig, launisch und habgierig – und sie versperren den Weg in die Freiheit.“ So sprach Ori und klagte Amnis sein Leid. Die Tochter des Schiffsführers sann über seine Worte nach. „Ich will mir die Unholde ansehen“, sagte sie dann, „ich will sehen, ob es nicht doch einen Weg in die Freiheit gibt. Und lieber will ich sterben, als nie auch nur eine Flucht zu versuchen. Ich will nicht mein Leben jammervoll in dieser Einsamkeit ausharren.“


    Ori rang vor Entsetzen die Hände, aber er konnte das Mädchen nicht aufhalten. Sie wanderte ohne Zaudern in die Richtung, in der sie der Schiffbrüchige gewiesen hatte. Schon von Weitem hörte sie ein Dröhnen und Brüllen und Rauschen wie aufgewühlte Fluten. Sie verbarg sich hinter Felsen und schlich vorsichtig näher. Und da waren sie. Zwei Riesen, voneinander nur durch eine Meerenge getrennt, so breit, dass man gut mit zwei Großschiffen aneinander vorbeifahren könnte. Die Riesen waren wahrlich scheußlich anzusehen. Hoch wie drei Männer und auch dreimal so breit, bleich und aufgebläht mit kahlem Haupt und rohem Antlitz. Und sie hatten vier Arme! Aus ihren Seiten wuchs ein weiteres Paar Arme, so dass vier ungeschlachtene Hände nach Steinen greifen konnten. Denn das war ihr Zeitvertreib. Sie rissen Steine aus dem Leib der Insel und warfen sie sich zu, als seien es leichte Bälle aus Lumpen. Sie warfen Steine, größer als ein Seekalb über die Meerenge, fingen sie auf und warfen sie zurück. Und wenn ein Stein das Ziel verfehlte, zersprang er auf dem Felsengrund oder klatschte ins aufgewühlte Meer.


    Amnis sah mit Schaudern auf das grausige Spiel. Lange ging das so hin und her, mit wüstem Gebrüll und grobem Spaß. Doch dann wurde es Abend und sie wurden es leid, und ein jeder der Riesen entfachte auf seinem Ufer ein großes Feuer. Amnis sah zu, wie der Unhold auf ihrer Seite der Meerenge eine der Ziegen fing, die es auf der Insel zahlreich gab, ihr flugs den Kopf abriss und sie ohne sie zu häuten oder auszuweiden auf einen Spieß über das Feuer hängte. Amnis sah auch zu, wie der Riese die Ziege bis auf das letzte Knöchelchen verschlang und sich dann schläfrig niederließ, die vier Arme auf dem feisten Wanst gebettet. Nun fasste sie sich ein Herz, empfahl ihr Schicksal den Göttern an und trat an das Feuer. Wohl sah sie der Unhold, doch satt und matt von seinem Tagwerk betrachtete er sie mit mäßiger Neugier, anstatt sie sofort zu zerreißen und zu verschlingen.


    „Oh, du Großer“, begrüßte ihn Amnis ehrfürchtig, „wie mächtig und prächtig ist deine Gestalt, wie stark deine Arme, die Steine so mühelos wie Äpfel pflücken.“


    Das hörte der eitle Unhold gern und so winkte er das Mädchen heran und fragte sie nach ihrem Begehr.


    „Ich bin gekommen, um dich zu sehen“, antwortete Amnis, „ich habe gehört von deiner Kraft und deiner Macht, und wollte das mit eigenen Augen sehen. Ich war schon bei deinem Bruder auf der anderen Insel – doch es fehlt ihm an deiner Größe und Stärke.“


    Der Unhold brummte wohlgefällig. „Das will ich wohl meinen.“


    „Und doch spottet er deiner“, fuhr Amnis fort, „er sagte, du kannst dich nicht mit ihm messen und versteckst dich deshalb auf der anderen Seite des Wassers. Sagt, dass du nur mit Kieselsteinen spielst und nichts von wahrer Stärke weißt. Und dass du nicht einmal merkst, dass er sich die größten Schätze nimmt und die besten Bissen von jedem Fang.“


    Was brüllte da der Steinfresser! Er wütete und tobte in jähem Zorn und Amnis sprang nur mit Mühe aus dem Weg seiner tobenden Fäuste. Und doch sprach sie weiter, lockend und listenreich und säte Zorn und Zwietracht in seinem Herzen. Ein leichtes Spiel, da der Riese nur zu willig das Schlimmste vom anderen annahm und glaubte.


    „Oh, großer Steinfresser“, rief Amnis schließlich, „ich will hinübergehen zu dem anderen und ihm sagen, dass ich dich viel prächtiger und mächtiger als ihn gefunden habe. Und dass er dir nicht gleichkommt. Dass er deinen Zorn fürchten soll und sich dir unterwerfen.“


    „Ja, gehe!“ brüllte der Unhold. „Gehe und sage es ihm!“ Und er nahm einen Ast aus dem Feuer, groß wie ein brennender Baum und leuchtete ihr den Weg zur Meeresenge. Amnis stieg furchtlos ins Wasser und schwamm hinüber auf die andere Seite. Der Unhold dort, der Felsenreißer, hatte längst das Toben vernommen und war nun neugierig, was kommen würde. Und auch er ließ Amnis sprechen.


    „Oh, du Großer“, sprach sie auch hier, „ich komme, dich zu sehen, nachdem dein Bruder auf der anderen Seite über dich gespottet hat. Er sagt, du bist feige und schwach, kannst nur Schilfgras reißen anstatt Felsen, nur Stroh kauen, anstatt Steinen. Und doch finde ich dich groß und mächtig. Viel größer als den, der so schlimme Worte sagt.“


    Da tobte Felsreißer und brüllte und schrie, und auch hier schürte Amnis mit klugen Worten den Zorn zu loderndem Feuer. Sie schmeichelte dem Riesen, sprach von Beleidigung, Raub und Verrat. Und auch dieser Unhold glaubte bereitwillig ihren Worten. Noch zweimal schwamm Amnis in dieser Nacht von einem Ufer zum anderen. Sie richtete Drohungen und Beleidigungen aus, schmückte die geifernde Rede der Brüder mit giftigen Stacheln, um sie mehr und mehr gegeneinander aufzubringen. Und schließlich brachen sich Jähzorn und Bosheit Bahn und die beiden stürzten in wildem Kampf aufeinander. Mitten im Wasser, halb zwischen ihren Inseln, trafen sie sich. Schlugen mit Fäusten aufeinander ein. Brüllten, tobten, dass das Wasser schäumte. Sie schlugen, traten, würgten sich – und schließlich sanken sie beide entseelt in das Wasser. Von gleicher Stärke und Macht hatten sie sich gegenseitig umgebracht. Amnis aber hatte sich während des Kampfes in einer Felsnische verborgen und mit zitterndem Herzen abgewartet. Erst als Stille einzog, wagte sie sich hervor. Das Lager des Unholds war leer, nur gebrochene Steine säumten den Weg zum Wasser. Und dort – im fahlen Licht des ersten Mondes – da trieben die feisten, bleichen Körper der Unholde, im Tode verschlungen, mit der Strömung davon. Amnis sah ihnen mit angehaltenem Atem nach, dann sank sie auf die Knie und dankte den Göttern für die Rettung. Nun war der Weg frei zurück zu den Menschen!


    Amnis wartete bis zum nächsten Morgen und durchsuchte dann zunächst das Lager des Unholds und auch das auf der anderen Seite. Sie fand zwischen Knochen und stinkendem Unrat viel von den geraubten Schätzen, die die beiden Riesen gehortet hatten. Amnis häufte auf, was davon nützlich erschien und machte sich dann auf die Suche nach Ori. Der alte Mann hatte ein Boot, er würde sie beide zurück zu seinem Volk bringen – und dazu von den Schätzen, was das Boot fassen mochte.


    Ori hatte die Nacht wie von Sinnen vor Angst verbracht. Als das Lärmen des Kampfes über die Insel dröhnte, hatte er fest mit seinem Ende gerechnet. Er konnte kaum glauben, als Amnis vor ihn trat und vom Ende der Unholde berichtet. Welch Freude kam da über ihn! Er tanzte und jubelte und dankte dem Mädchen auf Knien für die Rettung. Und bereitwillig zog er sein altes Boot aus seinem Versteck und raffte seine armseligen Habe zusammen. Gemeinsam bargen sie den Schatz und vertrauten sie sich dann der Führung des Meeres an. Rasch trieb sie die Strömung durch die einst so unpassierbare Meerenge, und nach zwei Tagen Fahrt über offene See erreichten sie Oris Heimatinsel. Wie war da die Freude groß! Alles Volk lief im Hafen zusammen, alle staunten mit offenen Mündern über die Heimkehr von Ori, über die Schätze, und mehr noch über die Taten des Mädchens, das die Unholde vernichtet hatten. Und sie priesen ihre Taten und behandelten sie wie eine Königin. Auch der Herrscher der Insel kam, um sie zu preisen und in sein herrschaftliches Haus einzuladen. Amnis blieb gern – und später verband sie sich in Liebe mit dem Sohn des Herrschers und gebar einen Sohn. Doch trotzdem hielt es sie nicht auf dieser Insel. Es zog sie bald zurück aufs Meer und hinaus zu anderen Abenteuern.


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  • Sehr schön. Die Plotidee (schwache Person spielt zwei starke gegeneinander aus und gewinnt) ist zwar nicht neu (Das tapfere Schneiderlein, Szene mit Gandalf und den Trollen im Hobbit, ...), aber die Geschichte ist gut geschrieben. Besonders hat mir die Verbindung mit dem hohen und etwas altertümlich wirkenden Ton und dem Humor gefallen. Und sie läßt eine große, weite Welt dahinter erahnen. Sehr, sehr gut gemacht.


    Note: 1

  • Ich hatte heute endlich wieder die Zeit, nachzulesen. Sehr schöne Geschichten, vielen Dank an alle. Überhaupt für den ganzen Adventskalender, der ist wieder richtig schön.

    Ist doch nur meine Meinung. Ich find ja auch die Drachenlanze blöd, und Millionen Leute lieben die Bücher trotzdem.

  • Tolle Geschichten.
    Bei der letzten erinnern mich die Riesen stark an die Zyklopen der Griechen, aber einfach wunderbar umgesetzt. Nur frage ich mich, ob sie ihre Eltern wieder besucht hat, immerhin war es ihre erste Fahrt und sie kam nicht wie erwartet zurück.

    Weil Inspiration von oben kommt und Arbeit von unten.
    -Elk (20.10.18, 23:02)



    Plan. Act. Reflect. Repeat 'til finish.

  • Eine echt tolle Geschichte!


    Ich mag generell Geschichten in denen man mit Schläue anstatt Muskelkraft die Überhand gewinnt :thumbup:

    Selbst wenn man sagt dass man außerhalb von Schubladen denkt, bestimmen immer noch die Schubladen das Denken. Erst wenn man sich bewusst ist dass die Schublade selbst nicht existiert kann man wirklich Neues erfinden


    INDEX DER THREADS ZU LHANND

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    Spielende Kinder auf dem schneebedeckten Dorfplatz halten ihre Stöcke und Äste für einen Moment zu einem Torbogen hoch, um lachend darunter hindurchzuschlüpfen. Sie merken nicht, dass sie damit auch das achtzehnte Türchen bilden…



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    Die Mär vom Wintergrünen Baum


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    Es war friedlich in Telgswand, einer kleinen Ortschaft am Waldesrand. Der Schnee legte sich wie eine weiße Decke über das Dorf und schien den Ort zu behüten. Trotz der Kälte spielten einige Kinder draußen auf dem Dorfplatz. Die Stöcke und Äste schlugen herum und trafen sich immer wieder. „Los Henrik! Du schaffst das!“ Das Lachen der Kinder übertönte die Stille dieses Ortes. Lächelnd sah eine junge Frau, vielleicht im Alter von zwanzig Lenzen und mit haselnussbraunen Haaren und Augen, den Kindern beim Spielen zu. Neben ihr stand ein Mann, wohl im selben Alter und mit dunkelblondem Haar und grünblauen Augen und hatte den Arm um ihre Mitte gelegt „Es hat was Kind zu sein, findest du nicht Gerhild?“ Gerhild erwiderte das Lächeln des jungen Mannes und sprach „Ach, Fredrik mein Freund. Diese Zeiten sind vorbei und bald wirst du Schultheiß sein. Du weißt welche Verantwortung dies mit sich bringt? Nutze sie zumindest um den Kindern eine sorglose Zeit zu gönnen, auch wen wir sie nicht zurückdrehen können.“ Fredrik lachte leise auf: „Du bist sehr klug Gerhild. Welch Glück mir doch beschieden war dein Gemahl zu sein!“ Schnell schüttelte die besagte Frau den Kopf: „Du magst von Glück reden, mein lieber Schatz? Soll es heißen, dass unsere Liebe nur auf Zufällen basiert? Bei solchem Irrtum muss ich widersprechen!“ Fredrik war an der Reihe mit dem Kopfschütteln, während er einen Korb hochhob, welcher neben ihm lag: „Ich mag dir recht geben, dass meine Worte schlecht gewählt waren. Doch glaube ich einfach, dass Glück doch eine Rolle spielt. Bezeichnet Glück den nicht auch die positiven Verläufe des Schicksals? Aber genug davon, vorerst. Meine Mutter sagte, das wir Beeren sammeln sollten und es wäre wohl gut, wen wir sie ihr noch vor dem abendlichen Mahl bringen würden, was meinst du?“ Auf dem jungen Gesicht Gerhilds erschien ein Schmunzeln als sie zur Antwort ansetzte: „Dann führen wir das Gespräch ein anderes Mal fort. Ich würde ungern beim Winterfest auf den Beerenkuchen deiner Mutter verzichten, das weißt du!“


    Im Walde kuschelte sich Gerhild eng an ihren Mantel, welcher sie vor der eisigen Kälte schützen sollte. Und auch Fredrik hatte einige Probleme mit dieser Kälte und wünschte sich, er hätte etwas Wärmeres angezogen. Die beiden folgten dem Pfad bis tiefer in den Wald. Hier am Wegesrand fanden sie kaum noch Beeren. Und auch bei der Hütte des Försters waren schon fleißige Sammler zugegen gewesen. „Vielleicht“, setzte Gerhild an, „finden wir ja einige Beeren am Waldbach?“ „Oder in der Nähe der Mulde. Lass es uns versuchen“, fügte Fredrik hinzu.


    Nach knapp einer Stunde waren Gerhild und Fredrik fertig damit Beeren zu Sammeln und sahen zufrieden auf ihre Ausbeute hinab. Es war mehr als genug beisammen gekommen um einen leckeren Kuchen daraus zu machen. So machten sie sich auf den Rückweg und konnten es sich nicht nehmen lassen einige der Beeren aus dem Korb zu naschen, es waren ja mehr als genug da. Der Blick Gerhilds wanderte durch die Gegend und sie meinte misstrauisch: „Fredrik sag... waren wir wirklich solange fort? Als wir losgingen, sah ich keine Wolke am Himmel und nun ist es so dunkel...“ Fredrik stoppte seine Schritte und blickte sich ebenfalls um. Sie hatte Recht, irgendwas war an dieser Situation nicht geheuer. Scheinbar hatte sich ein dunkler Nebel über diesen Ort gelegt. Die beiden rückten etwas näher zusammen. Die Hände Gerhilds klammerten sich fester um den Griff des Korbes und ihr Atem wurde schneller. Fredrik ergriff die Hand Gerhilds und drückte diese etwas fester. Urplötzlich war ein Grunzen aus den nahen Gestrüpp zu hören und wie aus dem Nichts erschien eine schattenhafte Gestalt die der beiden jungen Menschen um weites übertraf und mit starkem Gebiss. Wild stürmte das Biest auf die zwei Menschen zu.


    Sie rannten. Sie rannten so schnell es ihnen ihre Beine auch nur erlaubten. Fredrik zog Gerhild hinter sich her an den Bach und in diesen hinein. Das Biest sollte so die Witterung verlieren. Doch sie liefen und liefen und doch hörten sie das Tier immer noch hinter sich. Sie wurden es nicht los.
    Der Atem der beiden wurde schneller. Sie schwitzten und ihre Seiten stachen vom rennen. Sie schwitzten. Plötzlich erklang das Klirren eines Schwertes hinter ihnen und das Ungeheuer schrie auf. Ein schneller Blick hinter ihre Schultern und sie sahen einen kräftigen Mann im roten Gewand und gerüstet im Kettenhemd, wie er gerade das Ungeheuer angriff. Seine Stimme erklang laut: „Lauft, verdammt! Rennt so schnell ihr könnt und entkommt diesem Ort! Lauft und blickt euch nicht um!“ Und was blieb ihnen anderes übrig als zu laufen? Sie wollten hier weg und damit blieb ihnen nichts als zu rennen. Immer schneller und schneller rannten sie, bis der Kampfeslärm hinter ihnen verstummte. Keuchend lehnte sich Fredrik gegen einen Baum, während Gerhild sich auf den Boden gegen diesen setze.


    Vorsichtig blickten Fredrik und Gerhild den Weg zurück, den sie entlang kamen und lauschten. Vom Ungeheuer und dem seltsamen Krieger war weder etwas zu sehen noch zu hören. Erleichtert atmete Fredrik auf, ehe er unter zitternden Knien zusammensackte. „Wir hatten Glück...“ Schwer atmend saßen die beiden noch eine Weile gegen den Baum gelehnt, ehe sie sich wieder aufrafften. Sie waren scheinbar weit vom Weg abgekommen und in den tieferen Teil des Waldes geraten. Doch sie mussten zurück ins Dorf, ehe sich die Dorfbewohner Sorgen machten. Dicht aneinandergedrückt und sich gegenseitig die Hand haltend machten sich die beiden also auf den Weg zurück ins Dorf.


    Dort angekommen erzählten sie ihre Geschichte. Immerhin bestand noch immer die Gefahr, dass das Tier, was immer es gewesen war, noch dort draußen lauerte. Sie mussten jegliche Gefahr ausschließen, bevor noch etwas wirklich Ernstes passierte. Jedoch dämmerte es langsam und die Dorfbewohner beschlossen am nächsten Tag unter Führung Fredriks und Gerhilds einen Suchtrupp aufzustellen um Hinweise zu suchen. Solange mussten sich alle gedulden.


    Diese Nacht war es still im Dorf und doch lag ein unsicheres Gefühl in der Luft. Die Eltern der Kinder hatten die Türen und Fenster fest verschlossen. Gerhild und Fredrik selbst konnten diese Nacht nicht schlafen. Sie liefen in ihren Zimmern hin und her und fragten sich, was die Suche am nächsten Tag wohl ergeben würde. So verbrachten sie die ganze Zeit, bis es dämmerte. Dann war es nämlich endlich so weit. Die kräftigsten und klügsten Männer des Dorfes hatten sich schon auf dem Dorfplatz versammelt, bewaffnet mit allem Möglichen, was der Haushalt hergab, Äxten, Messern, Schwertern und Mistgabeln. Auch Fackeln waren einige vertreten. Sie dienten erstens gegen die Kälte und oft war es so, dass Menschen Tiere mit dem Feuer verschrecken konnten.
    „Seid ihr bereit zum Aufbruch?“, fragte Lambert, der Zimmermann des Dorfes. Fredrik, der Gerhild fest an der Hand hielt, nickte „Wir sind bereit. Folgt uns, wir zeigen euch die ungefähre Stelle.“ Sie gingen vor und suchten den Weg. Das Biest tauchte in der Nähe des Baches auf. Es musste also hier irgendwo sein. Schließlich ertönte die Stimme Lamberts: „Ich hab was gefunden! Kommt mal alle her!“ Der Blick Gerhilds und Fredriks streifte sich, ehe sie sich umsahen und der Stimme folgten. Als sie Lambert erreichten wurde der Druck der beiden Hände stärker. Dort auf dem Boden lag es. Das Wesen vom Vortag. Es erinnerte an einen Bären, doch war das Fell schwarz und die Augen rot. Die Gestalt erinnerte an eine alte Mär, welches man sich hier erzählte. Eine Mär von einer schrecklichen bärenähnlichen Kreatur, deren Blick selbst den Tapfersten auf unnatürliche Weise das Fürchten lehrte. Scheinbar hatte der Krieger sie vor eben jener Kreatur erlöst. Der Blick Fredriks ruhte immer noch auf dem Tier als Gerhild ihm sacht am Arm zog „Fredrik... schau!“ Ihre Stimme war still und klang verwundert. Und ebenso blickte nun auch Fredrik auf und folgte dem Fingerzeig Gerhilds. Dort, nicht weit vom Tier, stand ein Baum. Doch war dieser anders als die anderen. Sein Blattwerk, wenn die Bezeichnung denn zutraf, war trotz des Winters immer noch grün, wie im Sommer. Die Schritte der beiden, sowie der Dorfbewohner, führten sie näher zum Baum. „Diese Blätter... Fredrik, das sind doch keine Blätter?“ Vorsichtig strich sie über die grünen Nadeln. Weder sie noch das ganze Dorf hatte jemals etwas so seltsames gesehen. Und dann genau beim erschlagenen Tier? Schließlich schluckte Fredrik: „Der Krieger in rot... Meinst du es war... Tiu? Der Gott des Krieges? Ich meine... das Ungeheuer, aus den alten Sagen, der rote Krieger und nun ein grüner Baum inmitten des Winters? Wer sonst wäre zu all diesen Taten fähig als ein Gott?“ Auch Gerhild schluckte kurz. Hatte sie tatsächlich einen Gott gesehen? Die Dorfbewohner blickten fragend umher. Hatte Fredrik eben wirklich von Tiu gesprochen? Er hatte sie beschützt und nun diesen Baum als Zeichen zurückgelassen? Es ergab alles seinen Sinn. Und all dies kurz vorm Winterfest. So beschlossen die Dorfbewohner den Baum ins Dorf zu bringen. Die Männer gruben ihn mitsamt seinen Wurzeln aus. Da genug Männer da waren gelang es auch den Baum ins Dorf zu tragen, wo sie ihn fürs erste aufstellten. Die Dorfbewohner würde den Baum zum Winterfest schmücken. Er würde etwas ganz Besonderes sein. Fortan sollte das Winterfest dem Gott Tiu geweiht sein, der das Dorf vor einer garstigen Kreatur rettete. Die Familien hingen sich seitdem jedes Jahr einen Kranz aus Reisig an die Türen, auf dass er ihnen Glück bringen würde.


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    Sehr selbstbewußt stolziert ein Bergpalwes vor dem neunzehnten Türchen auf und ab, die prächtigen Federn zur Revierverteidigung gespreizt und stolzer als jede Palastwache. Dann ruckt der Kopf des Tieres herum, und Sekunden später jagt es seinem Rudel hinterher. Es dauert nicht lange bis sie hinter den wenigen Bäumen verschwunden sind. Folgt man ihren Spuren, so wird man früher oder später auf eine einsam gelegene Hütte stoßen, die sich unauffällig in eine Bergflanke schmiegt...



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    Wohngemeinschaft wider Willen


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    Eilig zog die Sonne über dem Meer in die Höhe und ließ der Morgenröte kaum Zeit, das Land anzumalen. Der Himmel strahlte blau, kein Wölkchen war zu sehen, noch nicht. Zu Mittag würden sie schon kommen, nachmittags der Regenschirmindustrie ihre Existenzberechtigung geben und abends als unscheinbare Reste davonziehen und für eine sternklare Nacht Platz machen. Wie ein Uhrwerk, jeden Tag dasselbe.
    Fast dasselbe. Aber das machte keinen Unterschied. Das machte die Einöde hier nicht erträglicher. Sie waren auf einem Berg! In einer Hütte! Wenn sie Strom haben wollten, mussten sie erst 28 Leitersprossen in den Keller steigen und einen altersschwachen Generator anwerfen, der nur so lange lief, wie der Überlauf des Teiches Wasser hatte. Öllieferungen waren viel zu riskant, niemand durfte wissen, dass sie hier waren.
    Tita musste kochen, sie war die Frau. So viel zur schönen Gleichberechtigung. Nein, eigentlich wunderte sie sich, dass Irunim sie kochen ließ - sie an seiner Stelle hätte Gift befürchtet. Aber er schlief ja auch nicht mehr mit seiner Waffe unter dem Kopfkissen. Vielleicht fürchtete er Tita nicht gar so sehr wie sie glaubte.


    "Kamis?" Er schloss die Türe hinter sich und stellte einen dampfenden Becher auf den groben Holztisch.
    "Danke." Tita sog den Duft ein, nahm den Becher und schlürfte. "Guten Morgen."
    "Hm."
    Nicht weit weg, wo die ersten Bäume standen, schrie ein Palwes und spreizte wütend seine grünweißen Federn. Das Palwes-Rudel hatte ganz offensichtlich nichts für die Hüttenbewohner übrig, aber seit Irunim einen kräftigen Zähnter geschossen hatte, schrien die Tiere sie nur mehr aus sicherer Distanz an.
    "Warum bist du hier?", fragte er.
    Dieses Ritual also wieder.
    "Ich verstecke mich, genau wie du", sagte Tita, "Es war nicht meine Entscheidung, Kiodan zu werden, und ich wollte es auch wirklich nicht."
    "Hm." Irunim stand auf und ging um die Ecke. Nach einigen Momenten konnte Tita ihn Holz hacken hören. "Wie hast du mich gefunden?", rief er.
    "Ich habe deine Mutter gefragt!", rief sie.
    "Jeder kann meine Mutter fragen! Sie sagt es nicht!"
    "Sie sagte, du wärst im Tezar. Ich habe aber zufällig eine Postkarte gesehen, du warst als Kind einmal hier."
    Die Hack-Geräusche stoppten. "Und du auch ..."
    "Deshalb erkannte ich diese Einöde ja."
    Er schwieg. Mit einem "Tock" landete die Axt im Klotz, dann kam Irunim wieder um die Ecke, setzte sich und seufzte ausgiebig. Ein Palwes schrie am Waldrand, Tita schlürfte an ihrem Kamis-Tee.
    "Warum bist du hier?", wiederholte Irunim seine Frage langsamer.
    Tita hob den Blick, überrascht stellte sie ihren Becher ab. "Ich verstecke ..."
    "Nein, nein", schüttelte Irunim den Kopf, "Mich zu finden, das ist alles, was du tun musst. Du zerrst mich zurück in die rote Galerie und du bist frei, du bist nur mein Ersatz als Kiodan."
    "Ich zerre dich nicht zurück."
    "So ist es, und deshalb werde ich aus dir nicht schlau. Du kannst mich umbringen, dann müssen sie einen ganz neuen Kiodan ernennen, aber du tust es nicht. Du kannst mich auch aus meinem Versteck zerren, dann bist du automatisch nicht mehr im Amt, aber du tust es nicht. Warum? Es gibt keinen dritten Weg, Tita."
    Natürlich gab es einen dritten Weg!
    Tita lebte ihr Leben lieber in der Einöde als in der roten Galerie oder mit Blut an ihren Händen. "Hier, das ist der dritte Weg", wies sie auf die Hütte, den Wald und die drei hohen Gipfel im Süden.
    Irunim blieb skeptisch. "Was mein Schicksal war, ist also jetzt unseres?", fragte er.
    Sie nickte. "Sieht so aus."
    "Hm." Er stand auf und ging in die Hütte, die Türe krachte ungebremst ins Schloss.
    Tita griff wieder nach ihrem Becher und blickte hinaus aufs Meer, wo sich weit draußen schon die ersten kleinen Wölkchen bildeten. Jeden Tag dasselbe, aber besser als ein Leben in der roten Galerie. Und auf jeden Fall besser als ein Leben mit Blut an den Händen.
    Und doch dachte sie vor allem an sich selbst. Jemand anderes war in der roten Galerie und trug die Bürde des Kiodan, weil Tita entschieden hatte, sich zu verstecken. Sie wusste, wie derjenige sich fühlte. Er war wütend auf sie, womöglich war er auf der Suche nach ihr, vielleicht würde er sie auch finden und sie, oder eher Irunim, in die rote Galerie zerren ...
    Vielleicht auch nicht. Vielleicht verstand er sie, wie sie Irunim verstand. Sie war nie wütend auf Irunim gewesen. Nur immer auf die Achavoi, die ihre Marionetten ernannten, erpressten, bedrohten und schlussendlich umbrachten. Der Kiodan, offiziell die mächtigste Person auf der Welt, inoffiziell hingegen ... nein, Tita wollte, wie ihre Vorgänger, wie Irunim, ihr Leben nicht als Marionette führen und schon gar nicht von unzufriedenen Puppenspielern umgebracht werden.
    Sie schlürfte an ihrem Becher und schüttete dann den Teesatz ins Gras, bevor sie in die Hütte ging.


    "Du solltest ein richtiges Bett haben", sagte Irunim vom Ofen, "Du kannst nicht dein ganzes Leben lang im Schlafsack schlafen."
    "Es eilt nicht."
    "Hm." Er legte ein Scheit ins Feuer und schloss die Ofentür. "Ich habe auch nicht die nötigen Dinge ... keine Daunen, keine Leta-Fasern, keine ..."
    Tita legte ihm eine Hand auf die Schulter "Schon gut. Es eilt wirklich nicht." Ihr Blick fiel auf den Wasserbottich oben auf dem Ofen, ein Hosenbein hing über den Rand. "Andererseits habe ich heute offensichtlich zu arbeiten, dann kannst du es ebenso tun", beschloss sie, "auch wenn es nur das Gestell sein wird."


    Sie war die Frau, sie musste waschen. Trotz ihrer Erklärung, im Leben noch nie von Hand gewaschen zu haben, war ihm ganz klar gewesen, dass sie besser waschen konnte als er. Dabei versteckte er sich schon einige Jahre hier und sie hatte einen sauberen, gepflegten Mann angetroffen, als sie vor drei Wochen angekommen war.
    Aber die traditionellen Rollen würden sich ändern. Hier gedachte Tita nicht, die Arbeitsteilung ihr Leben lang unangefochten zu lassen, und dort draußen war sie selbst ein Meilenstein gewesen. Die erste Frau als Kiodan, die erste Frau an der Spitze des Staates, vor ihr waren nur Männer in der roten Galerie gewesen.
    Irunim ging wortlos hinaus, bald hörte sie ihn hacken, sägen und hämmern. Tita stieg die schmale Treppe um den Ofen hinauf und krempelte die Ärmel hoch. Das Wasser war schon gut warm, sie griff nach der Seife und dem Waschbrett und machte sich an die Arbeit.
    Modernes Wohlstandskind Tita, vor hundert Jahren hatte es noch keine elektrischen Waschmühlen gegeben, damals hatte man selbst gewaschen oder eine Wäscherin beschäftigt. Tatsächlich war das Leben in dieser Hütte so dampfzeitlich, dass sie es als historischen Bildungsurlaub betrachten könnte.
    Wenn sie denn wollte.
    Auch wenn sie verstand, dass der Generator einfach nur lief, solange Wasser die Turbine antrieb, sie konnte sich Strom auf Dauer durchaus wünschen. Für elektrisches Licht zum Beispiel, denn die ganzen Tranlampen dufteten nicht gerade und gefährlich waren sie in einer Holzhütte noch dazu.
    Tita wrang die Wäsche aus und warf ein Stück nach dem anderen hinunter in den breiten, flachen Holzkorb, schließlich sprang sie selbst hinunter, griff nach dem Korb und trug ihn ins Freie.
    Irunim hatte den Bettrahmen fertig und nagelte inzwischen die Lederbänder ein.
    "Hm", machte er nur und hob zwei Finger zum Gruß.
    Tita winkte ihm knapp zu und begab sich an den Bach, wo sie den Korb als Ganzes am dafür vorgesehenen Seil in die Strömung hängte. Es war nur wenig Seife darin, aber es war durchaus zu sehen, wie vereinzelt eine weiße Schicht aus winzigen Blasen bachabwärts zog. Tita pflückte eine blaue Mava und steckte sie sich ins Haar, dann flocht sie ein schmales Band aus Grashalmen und band es sich ums Handgelenk, nur einfach so. Schließlich zog sie den Korb aus dem Bach und trug ihn, gebeugt, um nicht ihre Hose nasszumachen, zurück zur Hütte.


    "Hm", grüßte Irunim und nagelte ein widerspenstiges Lederband energisch fest.
    Tita musterte ihn und stellte den Wäschekorb ab. "Warum bist du hier?", fragte sie.
    "Au!" Irunim warf den Hammer auf den Boden und steckte den Finger in den Mund.
    "Tut mir leid", seufzte Tita, "Aber dir musste klar sein, dass immer jemand Kiodan ist. Ich nehme dir das nicht übel, keinesfalls, aber ich ... frage mich, ob es jemand mir übel nimmt ..." Er betrachtete seinen Finger ausgiebig und schweigend. "Weißt du, wer es jetzt ist?", fragte sie.
    "Nein."
    "Gar nichts? Du klaust nicht einmal eine alte Zeitung?"
    "Tita, ich war seit Jahren nicht unten", schüttelte er den Kopf, "Ich habe seit Jahren niemanden gesehen, und dann kommst du!" Er stand auf und hob seine Hand, er zog die blaue Mava aus Titas Haaren. "Ich war allein", sagte er, "und zwar wirklich allein. Und dann ... kommst du."
    Sie runzelte die Stirn.
    "Tita, ich bin froh, dass du hier bist. Ich hoffe, wir kommen auf Dauer miteinander klar."
    "Ja ..." Sie stieg vom einen Fuß auf den anderen. "Bei der Alternative ... ich bin lieber allein als in der roten Galerie", sagte sie, "aber sehr viel lieber zu zweit als allein. Für das Klarkommen ..." Sie griff nach dem Hammer und schlug den einen halb herausstehenden Nagel ganz in den Bettrahmen. "Etwas modernere Arbeitsteilung wäre mir sehr recht."
    Er starrte den Nagel an und sagte: "Hm", dann sah er auf die blaue Mava in seiner Hand und steckte sie wieder in Titas Haar. "Wir werden klarkommen", sagte er und lächelte, das erste Mal, dass sie das bei ihm sah.


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  • Wieder mal zwei nette Geschichten. :) Gestern die richtig klassisch weihnachtlich mit grünem Baum. Und heute zumindest mit optimistisch-harmonischem Ausgang. :) Und heute erkenne ich auch mal Welt und Schreiberling. ;D

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    Das zwanzigste Türchen tarnt sich als Kanalschott eines kleinen Wüstendorfes. Die uralten, sorgsam in Stand gehaltene Leitrinnen durchziehen das gesamte Gelände, führen jedoch kein Wasser. In einem leeren Auffangbecken in der Nähe eines großen Platzes, der von mehreren Feuertürmen gesäumt ist, haben zwei Brüder eine abenteuerlich wirkende Apparatur aufgebaut…



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    Wasserbringer


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    Das gebündelte Licht der Brennlupen erhitzte das wertvolle Metall der großen Kanne und brachte das Wasser schon nach kurzer Zeit zum Sieden.
    Gebannt verfolgten Siyet und sein kleiner Bruder Tenet, wie mehr und mehr Dampf vom immer heftiger blubbernden Wasser aufstieg. Pfeifend und zischend schoss er durchs Ausgussloch in die aufgesteckten und mit Hornklebstoff fixierten Röhren und ließ Tenets selbstgebaute Konstruktion erzittern.
    „Es klappt, es bewegt sich!“ Tenets Augen leuchteten, und er klatschte vor Begeisterung in die Hände. „Guck dir das doch an!“
    „Ich seh’s.“ Siyet musste unwillkürlich grinsen. Tenet und seine verrückten Versuche.
    Die Rädchen drehten sich wirklich, und die daran festgebundenen Stäbchen wackelten auf und ab, stupsten sich gegenseitig an und brachten weitere Rädchen in Bewegung. Siyet begriff zwar nicht was das Ganze sollte, aber Hauptsache Tenet war glücklich.
    Seit sie bei Tante Nimwe in der Wüste lebten lachte er viel zu selten. Das war es wert gewesen, Kanne, Rohre, Lupen und vor allem das kostbare Wasser aus den Vorratshöhlen des Dorfes zu, äh, organisieren.
    „Ich hatte recht, ha! Man braucht gar keine Magie für sowas!“ Tenet tanzte um seine jaulende Konstruktion herum, erstarrte dann aber mitten in der Bewegung. Siyet wandte den Kopf und schluckte. Echsenmist! Tante Nimwe nahte, ihr hageres Gesicht düster wie ein großer Sandsturm. „Ihr zwei Nichtsnutze! Seid ihr denn von Luftwasser und Erdfeuer verlassen, die Zeremonialkanne des Ortsvorstehers zu stehlen?! Und die Lupen! Wisst ihr nicht, wieviel die Händler für die verlangen?!“
    „Wir haben sie nur ausgeborgt, Tante“, verteidigte sich Tenet.
    Tante Nimwe stemmte die Arme in die Seiten. „Ohne zu fragen, wie immer. Und die Wochenration Wasser habt ihr wohl auch nur ausgeborgt, und die Dämpfe holt ihr nachher wieder aus der Luft in den Topf zurück, hm?“
    Hinter ihr tauchten nun auch der Ortsvorsteher, der Wassermagus, der Feuermeister und der Rest des Dorfrats von Schluchtenbruch auf - und keiner von ihnen hielt sich mit seiner Meinung zurück, so dass ein lautstarkes Scheltegewitter auf die Jungen herunterprasselte. Die beiden wussten aus Erfahrung, dass es am schnellsten vorüber war, wenn sie alles stoisch über sich ergehen ließen und starrten zu Boden.
    Da sie sich die Worte der Erwachsenen nicht allzu sehr zu Herzen nahmen, waren sie auch die ersten die hörten wie sich der Pfeifton hinter ihnen veränderte.
    „Äh, Tenet...?!“
    „Oh, Mist! In Deckung!“
    Ein paar Brandblasen, Schrammen und Schnittwunden umherfliegender Glassplitter später war Tante Nimwe wirklich, wirklich, wirklich sauer.


    ***


    Cresstezweige besorgen!
    Was für eine Strafe war das denn? Lieber drei Zyklen lang Trockenmist schaufeln, oder die Sandfilter der Wohnhäuser auskratzen. Aber das? Bah!
    Siyet schnaubte und rückte Gesichtsschleier und Schutzbrille zurecht, die vor dem ewig juckenden Grünstaub schützen sollten, der jetzt in der Nachsaison der großen Stürme über die Ebenen wehte. Er schnalzte mit der Zunge, um die beiden großen Zugechsen anzutreiben, die gemächlich vor dem Wagen hertrotteten.
    Sie waren noch in der Dunkelheit aufgebrochen, um den Morgen nutzen zu können ehe die Mittagshitze sie zu einer Pause zwang. Tenet schlief hinten auf dem zusammengefalteten Schattensegel der Ladefläche, das gleichzeitig Sonnenschutz und Abdeckplane war. Wie er das trotz lautem Rumpeln und holprigem Untergrund schaffte war Siyet ein Rätsel.
    Bald würden sie am Dornbuckel sein, in dessen steilen Felshängen die verflixten Stinkebüsche wuchsen. Tenet und er waren dazu verdonnert worden die Arbeit ganz alleine zu tun, und dies war nun schon ihre vierte Fuhre in ebensovielen Tagen.
    Normalerweise fuhr ganz Schluchtenbruch an einem Tag hinaus, schnitt so viele Zweige wie auf die Wagen passten und brachte sie ins Dorf zu den Feuertürmen. Die alten Zweige vom letzten Großzyklus wurden als Tribut an die Luftgeister verbrannt, und die Asche als Dünger wieder zwischen den Cresstebüschen zerstreut.
    Und warum das alles? Um die Luftgeister um Luftwasser anzubetteln, das der Wassermagus auch alleine vom Himmel holen konnte. In Maßen natürlich. Aber sehr viel verlässlicher als der zweifelhafte Segen eines Luftgeistes. In seinem ganzen Leben hatte Siyet noch kein einziges dieser Dinger gesehen, aber jedes Jahr das Rauchfest mitfeiern müssen. Danach stank es im Dorf noch wochenlang nach Cresste. Bah.
    Mit dem Griff seiner Sichel klopfte er an die Rückenlehne, um Tenet wachzukriegen.
    „He, Langschläfer! Wach auf, wir sind gleich da.“
    Tenet gähnte und rieb sich den Grünstaub von der Schutzbrille. Er blinzelte gegen das staubverschleierte Morgenlicht. Der Wagen rumpelte gemächlich an den ersten graugrünen Cresstebüschen vorbei, kurz darauf hielten sie an. Siyet sprang ab und holte den Futtersack von hinten, um den beiden Zugechsen ihr wohlverdientes Frühstück aus fleischigen Sutakkblättern zu geben. Während sie fraßen steckten die beiden Brüder das Schattensegel an mitgebrachten Stangen fest, damit die bereits aufgewärmten Tiere nicht zu viel Sonne abbekamen.
    „Ihr habt’s gut“, brummte Tenet, und kratzte die beiden über den Augenwülsten. Sie züngelten träge. Während sich die beiden Jungen an die Arbeit machten ließen sich die Echsen samt Geschirr zu Boden sinken um den Tag zu verschlafen.


    ***


    „Ich wette vom Buckel aus könnten wir die Feuertürme von Roststein sehen. Vielleicht sogar die von Adhisruh.“ Tenet kaute nachdenklich auf seiner Schrumpelrübe herum.
    „Nai, Bruder. Zuviel Grünstaub in der Luft. Heut sehn wir ja nichtmal die von Schluchtenbruch.“ Siyet, der gemütlich mit dem Rücken an einem Wagenrad lehnte, nahm einen Schluck aus seinem Wasserschlauch. „Wenn sich der Staub nächsten oder übernächsten Kleinzyklus legt können wir mal hoch wenn du willst. Ist aber ein ganz schön steiler Aufstieg.“
    Tenet hörte gar nicht richtig zu. „Oder vielleicht sollte ich mal auf unseren Feuerturm klettern...“
    Siyet kannte diesen Blick. Da braute sich wieder eine neue verrückte Idee hinter der Stirn seines Bruders zusammen. „Immer langsam. Lass uns doch erstmal die Strafe für diesen Versuch hinter uns bringen.“
    „Nur zum Gucken, kein Versuch diesmal. Obwohl...“ Tenet grinste. „Man wird ja wohl noch planen dürfen. Ich denke, ich bastle fürs nächste Mal bewegliche Lupen in Gestellen, vielleicht mit Zugbändern zum Regulieren der Hitzezufuhr. Bin schon wieder am Sammeln, siehst du?“ Er griff in seine Tasche und holte eine Brennlupe heraus.
    Siyet prustete. „Das muss die letzte intakte Brennlupe im ganzen Dorf sein.“
    „Nai, nicht ganz. Aber ich musste schon suchen.“
    „Wo hast du die denn her?“
    Tenet ließ das geschliffene Kleinod zufrieden in seine Tasche gleiten. „Wenn ich’s dir nicht sage, musst du Tante Nimwe nicht anlügen wenn sie fragt.“
    „Stimmt.“ Siyet stöpselte den Wasserschlauch zu und wischte sich ein paar Tropfen vom Kinn. „Auf geht’s. Wir haben Zweige zu hacken und Bündel zu schnüren - und Bündel zu schnüren und Zweige zu hacken, bis...“
    „...der Wagen voll ist.“ Tenets Grinsen verschwand hinter seinem Gesichtsschleier, den er feststeckte ehe er die harzverklebten Handschuhe überzog und sich zum nächsten Strauch hinunterbückte.
    Sie arbeiteten einträchtig nebeneinander, aber Siyet wurde den Verdacht nicht los, dass Tenets neu erwachter Eifer in erster Linie damit zusammenhing, vor Einbruch der Dunkelheit noch ins Dorf zu kommen um Versuch ‚Feuerturm’ zu starten.


    ***


    Am Nachmittag hatten sie drei Viertel des Wagens mit Cresstebündeln beladen. Siyet schwitzte unter seinem Grünstaubschutz, und auch Tenet griff öfter zum Wasserschlauch als am Morgen.
    Als sein Bruder neben ihm für einen Moment in der Arbeit innehielt, dachte sich Siyet zunächst nichts dabei. „Siyet...“
    „Ich hab selbst nicht mehr viel Wasser“, brummte er ohne aufzusehen. „Unterm Sitzbrett im Wagen sind aber noch Staubmelonen. Bring mir eine mit.“
    „Siyet...!”
    „Nein. Kannst du nicht ein Mal selber gehn?“
    Statt einer Antwort packte Tenet seinen Arm und zerrte ihn hoch.
    „He, was soll...“
    Über dem Dornbuckel schwebte ein Luftgeist.
    „Beim Horizont“, hauchte Siyet.
    Kein Wunder dass die Erwachsenen nur mit Ehrfurcht von diesen Wesen sprachen!
    Obwohl es viele hundert Längen über dem Boden hing war es mindestens so groß wie der gesamte Dornbuckel. Die Sonne erhellte Teile von ihm, die wie durchscheinende zerfaserte Wolkenbänke wirkten, sich aber langsam und tentakelgleich bewegten. Wie bei Tante Nimwes teurer Vase aus Tiefenkristall brach sich hier und da funkelnd und schimmernd das Licht. Das lautlos pulsierende Zentrum seines nebelhaften Leibes ähnelte einem unendlich langsam wirbelnden Grünstaubsturm. Es wirkte beinahe hypnotisch.
    Nur verschwommen war sich Siyet bewußt, dass Tenet immer noch seinen Arm gepackt hielt, und ihm etwas zuflüsterte. „Spürst du das? Es frisst...“
    Ein kalter Schauer fuhr Siyet über den Rücken, aber dann wurde ihm klar dass Tenet recht hatte – das war nur ein Luftzug. Und das Wesen erzeugte ihn. Es sog die grünstaubgeschwängerte Luft zu sich hinauf!
    Tenets Griff an seinem Arm fehlte plötzlich. Siyet riss sich von dem Anblick los.
    Sein Bruder kniete am Boden vor einem Cresstebündel und fummelte gerade die Brennlupe aus seiner Gewandtasche.
    „Was machst du denn da?“
    „Na was wohl, großer Bruder. Zeit für einen neuen Versuch! Ich biete ihm was zu essen an! Wenn das klappt haben wir’s eilig - weck’ schon mal die Echsen auf!“
    Siyets Herz raste, als er zu den Zugechsen rannte, und sie – trotz aller Eile vorsichtig, damit sie nicht nach ihm schnappten – mit dem Fuß anstupste. „Auf mit euch, hoo-ha! Auf, auf!“ Er zog die Schattenplane über ihnen zurück, schlug sie hastig über die Sitzpritsche und breitete sie über die auf der Ladefläche verstauten Cresstebündel.
    Schon während er die Zeltstangen obendrauf warf, roch er brennendes Cresste. Der Qualm des Bündels nahm seinen Weg hinauf in die Lüfte. Tenet hielt es mit einer Hand, wedelte herum um ihn besser zu verteilen, in der anderen Hand das nächste Bündel schon bereit. Siyets Puls pochte laut in seinen Ohren. Er starrte den Luftgeist an. Sie warteten. Die Zeit schien stillzustehen.
    Würde er auf das Rauchopfer reagieren? Es überhaupt bemerken?
    Die Antwort kam erst nach vielen Herzschlägen, aber dafür mit der Wucht einer Orkanböe. Der Sog wurde stärker! Und nicht nur das – der Körper des Luftgeistes über ihnen erzitterte, das Pulsieren änderte seinen Rhythmus, wurde schneller und heftiger, und Siyet hätte schwören können, dass der Luftgeist ein wenig tiefer sank, obwohl es bei seinen riesenhaften Ausmaßen schwer zu sagen war.
    „Er hat angebissen! Er mag es!“ Tenet hustete, lachte, hustete noch mehr, und sprang auf die Ladefläche. „Fahr los, Siyet! Fahr schon los!“
    Siyet lachte auch, als er die Echsen mit einem kurzen Schnalzen seiner Zunge zur Eile antrieb. Sie rochen das Feuer und watschelten schneller Richtung Dorf als er ihnen je zugetraut hätte. Es stank aber auch wirklich zum Himmel!


    ***


    Mit der hereinbrechenden Dämmerung kam Schluchtenbruch in Sicht, und zwar keineswegs zu früh! Langsam aber sicher ging ihnen das Brennmaterial aus. Mehr und mehr Cresstebündel waren dem Hunger des Luftgeistes geopfert worden, der mittlerweile sehr viel tiefer über dem Land hing, dem Wagen folgte, und den Rauch aufsog wie eine Jungechse das Nährwasser aus den Zitzen des Muttertiers.
    Siyet hatte während der Fahrt mehr als einmal einen Blick über die Schulter riskiert um das mächtige Lebewesen staunend zu betrachten, nun aber konzentrierte er sich darauf, im Halbdunkel die Straße zu erreichen, die zum Platz der Feuertürme führte.
    Von weitem schon sah er erleichtert, dass man sie – oder eher ihren riesenhaften Begleiter – bereits bemerkt hatte. Winzige Gestalten rannten aufgeregt hin und her, und dann gingen die Feuertürme in Flammen auf.
    Siyet trieb die nun widerstrebenden Echsen genau darauf zu, und musste zum ersten Mal den Stock einsetzen, damit die feuerscheuen Tiere gehorchten. Dicke Rauchschwaden quollen vor ihnen in die Höhe, und als der Luftgeist sie schmeckte ließ er sofort vom Wagen ab und wandte sich dem reichen Festmahl zu.
    Siyets Gewänder flatterten im Luftgeistwind, und er hielt nun endlich an und rutschte vom Sitz herunter um die Echsen zu beruhigen. Tenet sprang einen Moment später von der Ladefläche, trat das letzte glimmende Cresstebündel auf dem sandigen Boden aus und gesellte sich zu ihm. Sie rieben den Echsen geknickte Sutakkblätter über die Nüstern, um sie vom Brandgeruch abzulenken, und bald dachten die beiden Gierschlünde nur noch an den Inhalt des Futtersacks. Siyet schüttete ihn schließlich einfach auf dem Boden aus, und nun hatten Tenet und er endlich Gelegenheit, in aller Ruhe den Luftgeist zu bewundern, der im Cressterauch schwelgte.
    Das Wirbeln in seinem Körper war nun wieder gleichmäßiger und ruhiger, und er schien einen Teil des schwindenden Lichts des Tages in sich zu bewahren, denn er schimmerte und glühte als ob er nicht dunklen Cressterauch sondern sanftes Wetterleuchten verspeist hätte.
    Weder Siyet noch Tenet würden seinen Anblick je wieder vergessen. Beide hatten inzwischen ihre Grünstaubbrillen hochgeschoben und den Gesichtsschleier gelöst. Sie strahlten einander an.
    „Versuch geglückt, hm?“
    „Und das Beste kommt erst noch. Eine Wochenration Wasser? Ha! Mit Zins und Zinseszins! Soll mal einer noch behaupten wir zahlten unsere Schulden nicht zurück.“
    Der Wassermagus, der Feuermeister und deren Gehilfen hatten kaum einen Blick für den Luftgeist übrig. Sie standen unter Zeitdruck, hetzten zwischen den Türmen und den Wasserleitrinnen hin und her, und öffneten in Erwartung des Luftwassers die ringförmig um den Feuerturmplatz angelegten Kanalschotte.
    Siyet legte den Kopf in den Nacken, als die ersten Tropfen fielen. Sie klatschten auf sein Gesicht wie salzlose Tränen. Regen. Daran könnte er sich gewöhnen.
    Aber wie alles Schöne würde der Regen nicht von Dauer sein. Er bedeutete, dass der Luftgeist sein Mahl beendet hatte. Er würde so lange über ihnen abregnen bis er wieder leicht genug war, um aufzusteigen und seine Reise über die Himmel fortzusetzen.
    Siyet würde ihn wohl nie wiedersehen. Doch an seiner Abschiedsgabe würde er sich lange Zeit satt trinken können. Und das Erlebnis trug er nun im Herzen.
    Wenn das mal kein Grund zum Feiern war!
    Die Leute aus dem Dorf kamen lachend und jubelnd herbei, die Feuertürme zischten, und der Segen des Luftgeistes prasselte wie ein Sturzbach auf sie hernieder und verschwand gluckernd und gurgelnd in den Leitrinnen auf dem Weg in die großen Vorratsbecken.
    Tante Nimwe, nass bis auf die Haut wie sie alle, kam auf sie zugerannt und umarmte erst Tenet, dann Siyet. „Wie habt ihr zwei das bloß geschafft?“
    Im Nu waren sie von den anderen Dorfbewohnern umringt, die Siyet und Tenet auf die Schulter klopften und alles ganz genau wissen wollten. Tenet übernahm das Reden.
    Siyet aber schwieg, blickte zum satten, im Luftwasser nur noch verschwommen wahrnehmbaren Luftgeist auf, spürte das Prasseln der Tropfen auf seiner Haut und beschloss, dass ihn der Geruch von Cresste ab sofort nie wieder stören würde.


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  • Sehr schöne Geschichten. Die eine ist sogar weihnachtlich. :)
    Und sie sind alle optimistisch. Das mag ich.


    Schöne Ausschnitte auch. Sie haben viel Flair, wirken aber dennoch "vollständig". :thumbup:

    Ist doch nur meine Meinung. Ich find ja auch die Drachenlanze blöd, und Millionen Leute lieben die Bücher trotzdem.

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    So dicht vor der Wintersonnwende gelegen, ist das einundzwanzigste Türchen aus den Grautönen und Schattensträngen magischen Zwielichts gewebt. Schatten galten seit jeher als Übergänge zwischen Licht und Dunkel, zwischen hier und da, und wer sich durch dieses Türchen wagt, wird feststellen, dass dies immer noch so ist…



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    Elfenwerk


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    Gonniel, Elf und einer der mächtigeren Magier, Spezialist für Bewegungszauber und Herstellung magischer Gegenstände, nahm die Flasche mit dem zwergischen Bierbrand aus dem Regal, der 30 Jahre im Eichenfass gelagert hatte. Das würde ein schönes Geschenk für Lôcho sein. Diese Menschen!, dachte Gonniel. Sie merken gar nicht, wie die Angst vor der Dunkelheit sie bestimmt! Dafür machen sie schöne Dinge, um sie zu vertreiben. Und zu einem solchen „Ding“ war Gonniel eingeladen. Bloß eine kleine Zeremonie, in der für jeden Tag des Monates Dzîcho eine Kerze angezündet wird. Der Anfang des nächsten Monats markierte im Eshurânischen Kalender die Wintersonnenwende, die keine fröhliche Zeit war. Aber dafür leuchteten dann dreißig Kerzen auf dem Ständer, um dem dunkelsten Tag des Jahres die Furchtbarkeit zu nehmen. Gonniel würde den Anfang miterleben, mit einer Kerze, aber er war auch schon zur Wintersonnenwende eingeladen.
    Gonniel überlegte.
    Er nahm die angebrochene Flasche aus dem Regal und schenkte sich einen kräftigen Schluck ein. Er genoss den leicht bitteren, rauchigen, aber weichen Bierbrand. Es soll bloß keiner sagen, Zwerge verstünden nicht zu leben!, dachte er lächelnd.
    Nach dem Bierbrand macht er sich fertig. Das Teleportieren hatte er noch als Jugendlicher gelernt, und das war nun schon über tausend Jahre her, also brauchte er kein Ritual mehr. Bloß ein wenig Konzentration und …


    Er schwebte in einem grauen Nichts, die Geschenkflasche in der Hand.
    Verpatzt! Cyughil! Verflucht!
    Er schimpfte sich, dass er den Bierbrand getrunken hatte. Der hatte seine Konzentration gestört, zumal er den Zielort nur aus Beschreibungen kannte. Jetzt konnte er nur noch warten.
    Die Stelle – sie war diesmal schwarz – kam bald in Sicht. Er hatte viel Erfahrung mit Portalzaubern aller Art, daher wusste er, dass diese Stelle, die immer alles andere als mittelgrau war, der einzige Ausgang war. Er setzte seinen Flugzauber ein, um schneller dort zu sein. Auch das war wohl ein Fehler gewesen, denn er konnte ihn nicht rechtzeitig aufheben. Es blieb ihm nichts über, als durch das Loch in der Realität zu steuern und zu hoffen, dass er weich fallen würde …
    Da hatte er Glück. Eine Schneewehe stand an der Stelle, auf die er fiel. Als er aufstand, merkte er, wie bitter kalt es war. Es war Nacht. Ein voller Mond stand nahe des Horizonts. Er blickte in den Himmel und erkannte die Sterne nicht mehr. Der Mond sah anders aus. Andere Welt, aber das würde er bald haben, war er doch einer der wenigen, die die mächtigen Portalzauber, die man zum Reisen durch das Multiversum benutzen konnte, überhaupt kannten. Aber er musste feststellen, dass er nicht funktionierte. Leichte Panik kam in Gonniel auf, da fiel ihm ein Gebäude auf, aus dem Licht kam. Es schien aus Eis gemacht zu sein. Da auch sein Flugzauber nicht mehr funktionierte, machte er sich zu Fuß auf.


    Das Gebäude war eine Art von Burg. Gonniel wusste, wie Festungen ausschauten, die zur Verteidigung taugten, und so wusste er auch, dass das hier nicht der Fall war. Es war eine Art Märchenschloss, gebaut in der Zeit, als die Nostalgie nach den „guten alten Zeiten vor dem Schießpulver“ modern gewesen war. Und es war tatsächlich aus Eis gebaut, jedoch hell erleuchtet. Eigentlich war es wunderschön. Neugierig betrat der Elf das Schloss
    Drinnen war es viel wärmer. Vielleicht nicht sommerlich angenehm warm, aber viel wärmer als draußen. Eine kleine Gestalt, bunt angezogen mit roter Zipfelmütze entdeckte Gonniel, schlug einen Haken und lief davon, während er rief: »Vater! Vater! Ein Neuankömmling!« Und schon war er durch eine Tür verschwunden.
    Gonniel hob die Augenbrauen.
    Durch genau jene Tür kam ein Mann, anscheinend ein Mensch. Er war recht rundlich, trug einen weißen Vollbart, Halbmondbrillen und rotes Gewand – Tunika, Hosen und Zipfelmütze – das mit weißem Fell besetzt war. Das Schuhwerk bestand aus schwarzen, etwas klobigen Stiefeln, und die Tunika wurde mit einem schwarzen Gürtel zusammen gehalten.
    »Ho, ho, ho!«, machte der Mann. »Wen haben wir denn da?«, fragte er freundlich.
    »Ich heiße Gonniel«, sagte Gonniel. »Und wer bist du?«
    »Ich? Ich habe viele Namen – Father Christmas, Père Noël, Babbo Natale, Olentzero und so weiter – aber einfach „Vater“ lasse ich mich am liebsten nennen. Und jetzt, wo du schon einmal da bist« – er drückte Gonniel einen Schraubenzieher und einen Gabelschlüssel in die Hand – »kannst beim Basteln der Weihnachtsgeschenke helfen.«
    »Du willst was von mir!?«, fragte Gonniel unangenehm überrascht.
    »Weihnachtsgeschenke«, sagte Olentzero geduldig. »Elfen machen Weihnachtsgeschenke. Wusstest du das nicht?«
    »Nein. Was ist Weihnachten?«
    Der Mann nahm sich die Zeit, es zu erklären.


    Gonniel gefiel die Idee, mitten in dieser dunklen Zeit die Familie zu feiern. Er stellte noch ein paar Fragen, die mit Raum und Zeit zu tun hatten, und bat um etwas. Der Weihnachtsmann meinte, das sei kein Problem, schließlich könnte er sonst nicht in einer einzigen Nacht an Millionen von Kindern Geschenke verteilen. Daraufhin machte Gonniel, gemeinsam mit so vielen verschiedenen Elfen aus dem Multiversum, an die Arbeit. Er konnte einfach nicht anders, als die Geschenke mit ein bisschen Magie auszustatten, um sie noch ein wenig schöner zu machen. Oder mit ein bisschen mehr Magie …
    Als er fertig war, erfüllte Olentzero Gonniels Bitte, dass er seine Verabredung mit Lûcho einhalten könne.


    Und so kam ein junger Mann namens Harry P. zu einem höchst interessanten Besen.


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  • Die ersten 2 Worte und ich wusste gleich von wem der Text war :lol:

    Selbst wenn man sagt dass man außerhalb von Schubladen denkt, bestimmen immer noch die Schubladen das Denken. Erst wenn man sich bewusst ist dass die Schublade selbst nicht existiert kann man wirklich Neues erfinden


    INDEX DER THREADS ZU LHANND

  • So, nach einigen Tagen des Nichtlesens alles nachgeholt.
    Immer noch tolle Geschichten, eine besser als die andere. Ich könnte zu jeder etwas sagen, aber das sprengt wohl doch den Rahmen ;D

    Dieses Zitat braucht in meine Welt noch einen Platz: Spuck mir in die Suppe und ich schlage dir den Kopf ab


    In Ermangelung an geschlechtlichen Optionen, zogen meine Eltern mich als Jungen auf :lol:

  • Ich finde auch, dass alles Geschichten wirklich gut geschrieben sind, wobei Weihnachtsbäume- und Männer in alternativen Welten jetzt nicht so ganz meins sind, aber das ist Geschmackssache. ;)
    Die Welt der erfinderischen Jungen im Wüstendorf liest sich jedenfalls auch sehr interessant.

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    Der Schnitzer, der das zweiundzwanzigste Türchen schuf, muss ein wahrer Meister seiner Kunst gewesen sein. Er hat es aus dem Stamm eines einzigen verschlungen gewachsenen Baumes herausgearbeitet, und dabei Naturmotive wie Grashalme, Bäume, Wasser, aber auch Angehörige verschiedener Völker, und immer wieder eine bestimmte Blume verwendet.
    Was ihn wohl dazu inspiriert hat? Wir werden es gleich erfahren…



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    Mandiaers Ehre


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    Mandiaer suchte sich seinen Weg durch das dichte Unterholz im Wald des Wandels. Er war ein Heiler aus Edador und hatte eine gefühlte Ewigkeit gebraucht, bis er von der Stadt in den Wolken – seiner Sonne des Lebens – hier im dämmrigen Wald des Wandels angekommen war.
    Schon allein die Schiffsreise bis nach Spiroh hatte mehrere Wochen gedauert, weil die Winde ihnen nicht wohlgesonnen waren und er sich die Überreise auf einem der Schiffe mit Windzauberern nicht hatte leisten können. Danach folgten einige Tage beschwerlichen Fußmarsches, bis er den Salsarian erreicht hatte und einen gewaltigen Umweg hatte nehmen müssen, um eine Fähre zu finden, die ihn an die andere Seite seines breiten Bettes gebracht hatte. Selbstverständlich hatte er dann dieselbe Strecke auf dem jenseitigen Ufer wieder zurück gehen müssen.
    Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte er den Wald des Wandels aber schließlich doch noch erreicht.
    Zu diesem Zeitpunkt war ihm zum ersten Mal bewusst geworden, dass er vielleicht schon zu viel Zeit verloren hatte und die Frau, deretwegen er diese beschwerliche Reise überhaupt auf sich genommen hatte, vielleicht schon nicht mehr am Leben war.
    Doch er hatte diesen Gedanken eilig beiseite geschoben und war mit neuer Energie ausgeschritten, um im Wald des Wandels jene Heilpflanze zu finden, die er so dringend brauchte. Sein Lehrmeister hatte ihm einst von dieser Pflanze erzählt – ihm eine Zeichnung angefertigt wie sie aussah und welche Krankheiten sie heilte, doch hatte er ihm damals nicht sagen können, wo er diese Pflanzen finden konnte. Er selbst hatte sie einst von einem reisenden Händler abgekauft, der mit seinen Heilkräutern Handel trieb, aber deren Fundorte streng geheim hielt. Lange Zeit hatte sein Lehrmeister von ihm Kräuter bezogen, doch irgendwann war er nicht mehr nach Edador gekommen und so gingen die seltenen Kräuter schnell zur Neige.
    Mandiaers Meister hatte daraufhin vielen Menschen beim Sterben zusehen müssen, weil er die heilenden Kräuter nicht mehr besaß, die den Menschen hätten helfen können. Er hatte viele Reisen unternommen, um die Kräuter selbst zu finden, aber er fand nur wenige von ihnen und das an den unwirtlichsten Orten, die man sich nur vorstellen konnte.
    Mandiaer hatte ihn oft auf seinen Reisen begleitet oder war in das Haus der Erinnerungen geeilt, wenn neue Aufzeichnungen archiviert wurden, um zu überprüfen, ob sie Wissen über Heilpflanzen enthielten.
    Doch auch hier hatten sie nur selten Glück.


    Schließlich erkrankte die Hebamme der Königin von Edador, die diese wie eine Mutter großgezogen hatte, am Fleckenfeuer.
    Zu Beginn der Krankheit tauchen nur ein paar Pusteln im Gesicht auf, doch dann werden diese größer und flächiger. Schließlich breiten sie sich auf dem ganzen Körper aus und werden tiefrot. Desto dunkler das Rot, desto schlimmer brennen sie, bis man das Gefühl hat bei lebendigem Leibe zu verbrennen.
    Woher die Krankheit kam, wusste keiner. Und auch wie sie übertragen wurde, war den Heilern bis heute ein Rätsel. Und nur wenige wussten, welche Pflanze Heilung brachte.
    Mandiaer wusste es, doch hatte er nicht zu hoffen gewagt, sie jemals zu finden.
    Als er vom Ausbruch der Krankheit erfuhr, hatte er sich mit der Zeichnung seines Meisters – wieder einmal – in den Hafen von Hantahr begeben, um auf den dort ankernden Schiffen nachzufragen, ob sie die ein oder andere Heilpflanze kannten.
    So oft war Mandiaer schon dort gewesen und nur selten hatte er Glück gehabt. Doch an diesem Tag hatte das Schicksal es gut mit ihm gemeint und er war auf einen jungen Perelemen gestoßen, der die Pflanze kannte, die das Fleckenfeuer heilen konnte.
    So schnell wie ihn seine Füße tragen konnten, war er in den Palast geeilt und hatte um eine Audienz bei der Königin gebeten. Als er ihr erzählte, dass er ihre geliebte Hebamme vielleicht würde retten können, hatte ihm die Königin sofort das beste Schiff im Hafen anheuern wollen, doch als der König hörte wohin die Reise gehen sollte, hatte er sich geweigert die Kosten zu tragen.
    Zwar war der Verlauf der Krankheit nicht abzuschätzen, da sie mal viele Monate – wenn nicht sogar Jahre – aber manchmal auch nur wenige Wochen, dauerte, aber die Wahrscheinlichkeit, dass Mandiaer nicht rechtzeitig zurückkommen würde, war dem König zu hoch.
    Er war bereit Mandiaer etwas zu unterstützen, um gegebenenfalls weitere Ausbrüche der Krankheit mit der seltenen Pflanze heilen zu können, doch an die Heilung der Hebamme glaubte er nicht.


    So hatte Mandiaer sich mit wenigen Kristallen begnügen müssen, als er die lange Reise zum Wald des Wandels antrat. Doch vorher hatte er seiner Königin geschworen, dass er alles in seiner Macht stehende tun würde, um rechtzeitig zurück zu sein.
    Leider war dies nicht viel gewesen.


    Doch jetzt stand Mandiaer endlich am Rande des Waldes und ließ das endlose Gräsermeer, das er seit Tagen durchstreift hatte, hinter sich. Er hoffte, dass er nicht bis ins Herz des Waldes vordringen musste, um die Pflanze zu finden, denn er hatte die Warnungen des Perelemen immer noch im Ohr.
    „Mein Volk vermeidet es den Wald des Wandels zu betreten … nur diejenigen, deren Angst und Schmerz zu groß ist, einen lieben Menschen zu verlieren, wagen sich hinein, um die Heilpflanzen zu finden, die sie für ihre Liebsten brauchen. Wenn sie Glück haben, überleben sie es. Wenn nicht, bleiben sie für immer in der Dunkelheit des Waldes verloren.“
    Das und die Tatsache, dass die Kronen der Bäume schon nach wenigen Metern so dicht verschlungen waren, dass nur mehr wenig Licht auf den Waldboden durchdrang, beunruhigten Mandiaer, dessen an gleißendes Licht angepassten Augen schon in der Dämmerung Schwierigkeiten hatten etwas zu erkennen, geschweige denn in der Dunkelheit.
    Immer öfter spielten ihm seine Sinne einen Streich und er glaubte in den Baumwipfeln Stimmen zu hören, die ihn drängten umzukehren. Einbildung, so glaubte er, während er weiter durch die dämmrige Welt des Waldes schlich, in dessen spärlichen Unterholz es überall geheimnisvoll raschelte. Und obwohl in den Zweigen fröhliche Vogelstimmen ihr Liedchen trällerten, war der Wald mit seinen zahlreichen Schatten das Gruseligste was Mandiaer je erlebt hatte.
    Um nicht gänzlich den Verstand und die Orientierung zu verlieren, legte er in regelmäßigen Abständen Pfeile aus Zweigen und kleinen Steinen auf den Waldboden, während er gleichzeitig im Unterholz nach den gesuchten Heilpflanzen Ausschau hielt.
    So arbeitete er sich stundenlang in den Wald vor. Doch ohne Erfolg.
    Er wusste das manche Heilpflanzen nur an ganz bestimmten Orten wuchsen; einige sogar nur zu ganz bestimmten Zeiten, doch daran wollte er jetzt nicht denken.
    Tapfer ignorierte er die Stimmen in den Zweigen, die ihn nach wie vor zum Umkehren bewegen wollten, als er schließlich zwischen einigen Bäumen eine Blumenwiese auf einer Lichtung ausmachte. Neugierig hielt er darauf zu, weil er hier inmitten der dämmrigen Welt des Waldes nicht damit gerechnet hätte, ein Meer an Blumen vorzufinden.
    Ihre großen, goldfarbenen Kelche reichten ihm kaum bis über die Knöchel, und schon als er noch einige Schritte von ihnen entfernt gewesen war, hatte er ihren betörenden Duft wahr genommen. Wie von einer unsichtbaren Schnur gezogen, war er mitten hinein in das Blumenmeer gelaufen und hatte dabei eine orangefarbene Wolke aus Blütenstaub hinter sich hergezogen, der sich schon bald auf seiner Haut und seinen Haaren niederließ.
    Die Stimmen in den Zweigen brüllten ihm schließlich zu, dass er die Augen schließen solle, doch Mandiaer verstand sie nicht und wollte seine Augen vor dieser Blütenpracht nicht verschließen. Voller Genuss sog er den betörenden Duft der kleinen Blumen in sich auf, bis seine Sinne schwanden und er inmitten der so unschuldig aussehenden Blumen zusammenbrach.


    Als Mandiaer wieder die Augen aufschlug, blickte er in ein wütendes Paar eisgrauer Augen, während eine zischende Stimme hinter ihm leise fluchte: „Warum hören diese Idioten nicht auf uns? Jetzt warnen wir sie schon davor in den Wald zu gehen, aber nein. Sie laufen immer tiefer und tiefer hinein – direkt in ihr Verderben!“
    „Halt die Klappe! Wir haben die Warnungen damals doch genauso ignoriert. Nur jeder Dritte ist vernünftig genug, umzukehren.“
    Der erste Sprecher erwiderte daraufhin nichts, während Mandiaer sich mit pochendem Kopf aufsetzte und schließlich mit der Hand seinen Hinterkopf massierte, da wo er aufgeschlagen war.
    Er brauchte einen Moment um zu begreifen, dass er nicht sein Haar fühlte, sondern Fell.
    Im nächsten Moment fiel ihm auf, dass er die um ihn herum stehenden … Kreaturen … problemlos erkennen konnte, obwohl er mittlerweile im dunkelsten Teil des Waldes sein musste, denn kaum ein Sonnenstrahl fiel mehr durch das Blätterdach. Kurz darauf zuckte er erschrocken zusammen, als er ein Fauchen vernahm, das direkt neben ihm zu schein schien, doch in Wahrheit von einem … Ding stammte, das viele Schritte von ihm entfernt hinter einem Baum kauerte.
    „Ein hübscher Kater bist du geworden. Ein Prachtexemplar in unserer Truppe.“ meinte eine neue Stimme amüsiert und Mandiaer drehte sich verwirrt zu ihr um.
    Vor ihm stand eine Frau … oder zumindest wäre sie eine Frau gewesen, wenn sie nicht den Kopf, die Beine und den Schwanz einer getigerten Katze gehabt hätte.
    Ohne eine weitere Gefühlsregung erklärte sie ihm, dass er dem Zauber der Wandelblume erlegen war. Ein unumkehrbarer Zauber, der Menschen zu Halbwesen machte – halb Mensch, halb Tier.
    Dazu verdammt für den Rest ihres Lebens die Herren des Wald des Wandels vor Eindringlingen wie ihnen zu beschützen. Ein Eid, den sie unwissentlich schworen, wenn sie den Duft der Wandelblume einatmeten und die Augen vor ihrem Zauber nicht schloßen.


    „Aber ich habe einen älteren Eid einzuhalten. Ich habe geschworen so schnell wie möglich mit der heilenden Pflanze zurückzukehren, um der Hebamme der Königin das Leben zu retten. Ich bin Heiler.“ stammelte Mandiaer entsetzt, als ihm langsam dämmerte, was ihm widerfahren war.
    „Schau dich an! Selbst wenn die Feen dich gehen lassen würden, würdest du dich so unter die Menschen trauen?“ fragte ihn die Katzenfrau, mit einer Trauer in der Stimme, die Mandiaer nicht verstehen konnte. Erst als er an sich heruntersah und bemerkte, dass er – so wie sie – auch die Beine, den Schwanz und den Kopf einer Katze hatte, begriff er langsam was sie meinte.
    Er zögerte einen Moment, doch dann antwortete er ihr stur: „Ich muss! Ich habe einen Eid geschworen. Ich bin Heiler.“
    Trotz hämmernder Kopfschmerzen, kam er stolpernd auf seine neuen, ungewohnten Beine und fügte hinzu: „Bringt mich zu euren … unseren Herren – den … Feen. Ich muss es ihnen erklären.“
    Mit einer Mischung aus Mitleid und fast so etwas wie Anerkennung, brachten ihn die Katzenfrau und die anderen Tiermenschen zu den Feen.


    Mandiaer erzählte ihnen von seinem Eid und dem Grund seiner Reise.
    Da die Feen die Ehre jedes einzelnen Lebewesens hoch achteten, nahmen sie Mandiaer das Versprechen ab, dass er zurück in den Wald des Wandels kehren werde, sobald er seinen ersten Schwur erfüllt haben würde.
    Und damit er ihn richtig erfüllen konnte, gaben sie ihm einen jungen Heiler der Feen mit Namen Xixaas mit auf die Reise, der aus dem Vorrat der Feen große Mengen der heilenden Pflanzen in lichtundurchlässige Beutel packte und Mandiaer auflud.


    Gemeinsam traten sie schließlich die Reise nach Edador an, die mit dem Zauber des kleinen Fee nur die Hälfte der Zeit in Anspruch nahm, wie die Hinreise.
    Überall wo sie hinkamen, wurden sie zwar misstrauisch beäugt, doch Xixaas Verhandlungsgeschick und Offenheit ließ die Vorbehalte gegen die Beiden meist recht schnell schwinden.
    Und so erreichten sie tatsächlich Edador, bevor die Krankheit der Hebamme das letzte Stadium erreichte. Gemeinsam mit Xixaas Hilfe bekämpften sie das Fleckenfeuer, so dass Mandiaers Eid erfüllt war.


    Danach verließ Mandiaer für immer seine geliebte Heimat, um seinen nächsten Eid – bis ans Ende seiner Tage – zu erfüllen.


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    Helles Tageslicht fällt in den großen Raum mit den weißgekalkten Wänden. Neben der Tür steht ein niedriges Tischchen mit ordentlich sortierten Arbeitsmaterialien, und an den Wänden hängen Merktafeln mit komplizierten Zeichen, Diagrammen und geometrischen Formen.
    Der Junge, der hier gerade gefegt hat, wirft vor dem Verlassen des Raums noch einen kurzen sehnsüchtigen Blick auf die Diagramme und den Fußboden. Dann verlässt er den Raum, ohne zu bemerken dass ein verirrter Sonnenstrahl die Linien eines Diagramms berührt, die daraufhin aufleuchten, und sich in geometrischer Perfektion wirbelnd zum dreiundzwanzigsten Türchen anordnen…



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    Lehrjahre


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    Der jüngste Lehrling hat den Boden für mich vorbereitet, dann hat er sich respektsvoll zurückgezogen, um mir Zeit und Platz für meine Arbeit zu geben. Fast beneide ich ihn darum, dass er nur kehren und putzen musste, bis alles blitzblank ist. Das kann ich wenigstens. Aber jetzt stehe ich hier mit meinem Blatt, auf dem das vom Meister gezeichnete Diagramm zu sehen ist, das ich auf den Boden übertragen soll. Mein Teil der Vorbereitungen.
    Zögern oder gar herumlamentieren hat keinen Sinn, ich mache mich also an die Arbeit. Die Zeichnung schön ordentlich in die Mitte gebreitet, die Farben geholt… ich hasse Diagramme. Man rutscht stundenlang auf dem Boden herum und muss dabei noch aufpassen, dass man die Linien, die man schon gezogen hat, nicht verwischt. Ich habe kein Talent dafür, die Farben zu mischen, und von der Kreide muss ich husten. Die Abstandhalter wollen nie so, wie ich will, und in die Zirkelschnüre verwickele ich mich auch andauernd. Es ist, als hätten sich all die kleinen Werkzeuge der Kunst, die zu lernen meine Eltern mich hergeschickt haben, gegen mich verschworen. Dabei sollte ich doch eigentlich Talent haben. Der Meister hat mich sorgfältig geprüft, so wie alle anderen, die versucht haben, in den Kreis seiner Lehrlinge aufgenommen zu werden. Er hat meine Hände besehen und meine Augen geprüft und er hat mich über Geschichte und alte Legenden befragt. Am Ende hat er mich genommen. Mich, nicht die anderen. Während ich hier kniee und versuche, einen roten Kreis um einen blauen zu malen, ohne daß die Farben sich mischen, frage ich mich, warum eigentlich. Den Boden putzen und Mineralien stampfen konnte ich noch sehr gut, aber jetzt…
    Dabei kann ich die Symbole. Ich kann sie lesen und ich weiß, wie sie aussehen. Ich kann sie benennen, ich kann sie erklären, ich kann sie sogar recht gut aufschreiben, solange sie nur klein zu sein brauchen. Ich kann ganze Reihen auf der Tafel mit Symbolen füllen, eins genau wie das andere, eine perfekte, ebenmäßige Linie aus Ranken, geheimnisvollen Rauten und Rosetten. Aber dann, wenn ich sie auf den Boden übertragen soll, dann wehren sie sich. Sie werden krumm und ungleichmäßig und ihre Proportionen stimmen nicht und der Meister wird wütend und fragt, ob ich noch immer nicht gelernt habe, die Maßeinheiten zu übertragen. Dabei habe ich das. Ich kann es berechnen und ich kann es abschätzen. Ich weiß genau, wie groß die einzelnen Elemente sein müssen. Ich kann sie nur nicht aufmalen. Selbst wenn ich es ganz langsam mache und mir die allergrößte Mühe gebe. Sie werden schief und, noch schlimmer, die Ecken schließen nicht genau miteinander ab. Wenn die Ecken nicht miteinander abschließen, dann kann sonstwas passieren. Alles bricht zusammen und das ganze Diagramm ist wertlos. Die ganze Arbeit umsonst.
    Es klebt jetzt gelbe Kreide an meinen Knien, ich habe eine weiße Grundlinie hoffnunglos verwischt, als ich versucht habe, sie zu begradigen und eine meiner Kerzen tropft Wachs auf eine Reihe Halbmonde. Außerdem habe ich das ungute Gefühl, dass die Bögen des Wellenkranzes zu klein geraten sind. Ich sollte sie wegwischen und neu malen, aber dazu fehlt mir die Zeit. Ich kann die Schritte des ältesten Lehrlings schon auf der Treppe hören. Er kommt um zu sehen, wie weit ich bin.
    Was das angeht, habe ich Glück. Der älteste Lehrling ist des Meisters rechte Hand und er hat das Recht, und andere zu bestrafen, wenn er glaubt, dass es Grund dazu gibt, oder wenn ihm danach ist. Er kann uns auspeitschen lassen oder uns Stockschläge geben, oder uns einfach zwingen, ohne Essen ins Bett zu gehen. All das würde Theomal nie tun, es sei denn, wir verdienen es wirklich. Sind faul oder frech oder bringen Schande über den Meister und seine Kunst. Ich vermeide es, von meinem Werk aufzusehen und ziehe noch schnell ein paar weitere Linien.
    Die Schritte nähern sich weiter, dann hören sie auf, nur wenige Meter neben mir. Theomal würde nie aus Unachtsamkeit eine Linie verwischen, und er kann auch so sehen, wie gut meine Arbeit ist. Oder wie schlecht. Ich weiß, er besieht sie sich jetzt, und er sagt lange gar nichts. Dann seufzt er.
    „Lass es sein“, sagt er. Er klingt resigniert. Auch er weiß, dass ich hier mein Bestes tue, also kann er mich nicht tadeln. „Ich lasse den Kleinen wieder hochkommen, er soll es säubern und du fängst von vorne an.“
    Ich richte mich auf, setze mich auf meine Fersen und werfe einen hilflosen Blick um mich. Auf das Desaster von Linien und Mustern um mich herum. Ist es wirklich so schlimm?
    „Einige Elemente sind schon sehr schön“, versucht Theomal zu trösten, „aber die Proportionen stimmen einfach nicht. Der Herdgott ist viel zu groß im Vergleich zum Streitwagen, und deine Opferschalen sind so winzig, dass nicht einmal der Juwelier Seiner Majestät irgendetwas damit anfangen könnte. Du musst lernen, größer zu arbeiten. Und du musst lernen, immer das ganze Bild im Auge zu behalten.“
    Ich nicke nur gehorsam, dann beginne ich, mein Handwerkszeug einzusammeln. Ich kann hören, wie Theomal den Kleinen ruft, er soll nochmal putzen und kehren. Die Fläche wieder für mich vorbereiten, damit ich neu beginnen kann. Der Meister wird nicht aufgeben, bis ich gelernt habe, die Diagramme zu ziehen.
    „Du hilfst mir solange Steine schneiden“, sagt Theomal zu mir. „Ich brauche mehr grüne für den Boden im Tempelbrunnen.“
    Ich folge ihm nach draußen. Im Steine schneiden bin ich sehr viel besser als im Diagramme zeichnen. Beides ist nur eine Hilfsarbeit, aber sie ist sehr wichtig. Mit ungenau geschnittenen Steinen lässt sich kein gutes Mosaik legen. Genausowenig wie anhand eines schlecht gezeichneten Diagramms.


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  • Sehr schöne Idee, mal die weltlichen Vorarbeiten der Beschwörungskunst zu beleuchten (ich nehme an, dass es darum ging?!). Im Schweiße des Angesichts mühsam vielfältige Linien über den Boden ziehen. Ich gebe zu, mir nie Gedanken darüber gemacht zu haben, wie mühselig das eigentlich ist / sein könnte. Gut dass es Lehrlinge gibt. Jedenfalls ein sehr schöner Schreibstil; Verzweiflung und Mühe kommen gut zum Ausdruck! Allerdings will ich jetzt wissen, wie es weitergeht ;D Für Magie bin ich doch immer zu haben!

  • Ich denke, es geht eher um die Kunst, ein Mosaik zu legen und man glaubt nur die ganze Zeit, es hat was mit Magie zu tun. ;D Ich mag jedenfalls den Twist am Ende, nachdem man die ganze Zeit auf die falsche Fährte geführt wurde. :thumbup:

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